Wille , Bruno Die Abendburg www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Bruno Wille Die Abendburg Chronika eines Goldsuchers in zwölf Abenteuern Das erste Abenteuer Handelt von Fürzeichen und heimlichen Künsten Zu zweien Malen bin ich geboren , und beide Male hieß meine Heimat eine Burg : Magdeburg die eine , Abendburg die andere . Ward ich zu Magdeburg geboren für das Zeitliche , so geschah auf der Abendburg meine Wiedergeburt für das Ewige . In der Stadt am Elbstrom , am Tage der sommerlichen Sonnenwende des sechzehnhundert und sechsten Jahres drang ich aus dunklem Schoße zum Licht , ein Sprößling des Fleisches mit Odem und Geschrei . Johannes Martinus Tilesius , vulgo Tielsch , ward ich in der Taufe benamset , weil ich ja am Johannistage geboren , und weil überdies mein Vater zu Sankt Johannis Kirche ein Prädikante war . Sein ehelich Weib , meine gute Mutter , hieß Barbara Tilesia , und war eine geborene Angern . Wie mir von den Eltern oft erzählet worden , habe ich die ersten Monde meines irdischen Aufenthalts schier Tag und Nacht geweinet , also daß meine Mutter nicht schlafen gekonnt und zu manchen Malen vor übergroßer Müdigkeit über dem Tischgebete eingenickt ist . Es spricht aber ein alter Kirchenlehrer : So ein neugeboren Kindlein anhaltend weinet , ist es ein Prophet trübseliger Lebensjahre . Das ist gewißlich bei mir eingetroffen . Zähle ich nämlich all die Ängste und Plagen , durch die ich in Junggesellen- und Mannesjahren Spießruten gelaufen bin , all die Tränen , darinnen ich als in einem Flusse geschwommen , Tränen über Waffen- und Hungersnot , Tränen über verloren Gut , entschwundene Lieb und Treue , Tränen ohnmächtigen Zornes und enttäuschter Hoffnung , auch Tränen der Reue über begangene Missetat , Tränen endlich des heißen Verlangens , aus diesem finstern Tale mich zu erretten zum heiligen Lichte droben ... dies alles bedenkend , muß ich schon glauben , daß mein kindisch Heulen eine Ahnung des Zukünftigen gewesen und ein dunkel Begehren , unsere bange Welt recht balde wieder zu verlassen . Zeiten sind kommen , da hab ich mir die Haare gerauft und gejammert : » Warum hat man damals das schreiende Kindlein nicht verstanden und nicht lieber in der ersten Bademulde ersaufen lassen wie einen Katzenbalg ! « Doch freilich , jetzo weiß ich : Nicht um hier eitel Lust zu genießen , trieb uns der Urquell herfür , sondern daß wir uns von trüber Täuschung erlösen zur verklärten Abendburg . In meiner irdischen Vaterstadt lebte ich eilf Jahre . Alsodann verzogen meine Eltern nach Hirschberg im Schlesierlande , dieweil den Vater Sehnsucht zum Schlesischen Gebirge trieb , das seine angestammete Heimat ist . Also gelangte ich in die Gegend der Abendburg . Magdeburg und Abendburg - beide Namen haben guten Klang . Magdeburg bedeutet die Burg einer Magd , so mit ihrer Unschuld den Angreifer zurücke schlägt . Und da ich als Kind die ersten Male von der Abendburg reden hörte , dachte ich an gülden Abendgewölk , anzuschauen als eine Burg ; auch an eine Veste dachte ich , trutzig in den Abendhimmel gerecket , gewappnet wider den Feind , der im Finstern schleicht . Und es war eine Stimme in dem Namen wie Herbstwind , abendlich am Gitterfenster säuselnd , oder wie der verlassenen Jünger fromme Bitte : » Bleibe bei uns , Herr , denn es will Abend werden , und der Tag hat sich geneiget . « Magdeburg stehet in meiner Erinnerung als eine Hauptstadt , gelegen in der Ebene am Elbstrome , hat einen Dom und andere stattliche Kirchen , große schmucke Häuser , bewohnet von viel tausend Menschen , so mit Lärmen durch die Gassen strömen . In den Werkstätten pochen und basteln die Handwerker , in den Kaufläden und Schreibstuben wird gekramt , gebucht , bankerottiert und Geld in die Truhen gescharrt . Schiffer verladen Ballen und Kisten in ihre Kähne , die das gelbe Wasser umspület . Soldaten bauen auf den Schanzen , Bauern treiben Vieh und fahren über die lange Brücke , und die Windmühlen auf den Feldern schwenken ihre Flügel . Sonntags vernehmen die Magdeburger die wohlgesetzten Kanzelreden ihrer eifernden Prädikanten , dann schleppen die Weiber neumodischen Putz durch den Straßenstaub , auf den Tanzböden scharmieren Gesellen und Jungfern , Gevatter Handelsmann und Lohgerber aber sitzen auf der Sudenburger Dingebank , knöcheln und schandieren über Kaiser und Papst . Ihres hitzigen Hopfenbieres voll , pochen sie auf ihre Freiheit , die vom ersten Kaiser Otto hergeleitet wird , und auf den Schutzgeist ihrer Stadt , im Wappen abgebildet . Eine Magd ist es , so auf einer Burg steht und in der Hand ihr Kränzel , der Reinheit Symbolum , stolz erhoben hält . Es hat aber eine schaurige Bewandtnis mit diesem Schutzgeiste , wenn anders ein scheu Geflüster der Leute Wahrheit vermeldet . Mit der Magd soll nicht , wie man in katholischer Zeit fürgab , die Jungfrau Maria gemeinet sein , auch nicht Frau Venussin aus der Heidenzeit , sondern ein unerwachsen Mägdlein , so lebendig in die Burg ward eingemauert , dieweil man gläubete , die konservierte Unschuld habe Macht , den Angreifer zurückezuwerfen . Als den Platz , allwo vor Alters des Mägdleins Burg gestanden , bezeichnet die Sage das jetzige Krökentor . Sooft im Laufe der Zeiten der dicke Turm am Tor morsch geworden und von neuem auferbauet werden gemußt , versäumete man niemalen , die Kraft des Schutzgeistes zu erneuern , nämlich ein frisch Mägdlein einzumauern . Die steinalte Olsche des Bäckermeisters Kahle hat uns Kindern diese Mär anvertrauet . Gern saß sie an milden Abenden in unserm Kreise auf der steinernen Freitreppe des Nachbarhauses und erzählete von