Wassermann , Jakob Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jakob Wassermann Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens Es ist noch dieselbe Sonne die derselben Erde lacht ; aus demselben Schleim und Blute sind Gott , Mann und Kind gemacht . Nichts geblieben , nichts geschwunden , alles jung und alles alt , Tod und Leben sind verbunden , zum Symbol wird die Gestalt . Erster Teil Der fremde Jüngling In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen , der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab . Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren . Niemand wußte , woher er kam . Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen , denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind ; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen , und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge , bald klagend , bald freudig , als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären . Auch sein Gang glich dem eines Kindes , das gerade die ersten Schritte erlernt hat : nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden , sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf . Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk . Jeden Tag wanderten Hunderte den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern alten Turmes , um den Fremdling zu sehen . In die halbverdunkelte Kammer zu treten , wo der Gefangene weilte , war untersagt , und so erblickten ihre dicht gedrängten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche Menschenwesen , das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und meist mit einem kleinen weißen Holzpferdchen spielte , das es zufällig bei den Kindern des Wärters gesehen und das man ihm , gerührt von dem unbeholfenen Stammeln seines Verlangens , geschenkt hatte . Seine Augen schienen das Licht nicht erfassen zu können ; er hatte offenbar Furcht vor der Bewegung seines eignen Körpers , und wenn er seine Hände zum Tasten erhob , war es , als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften Widerstand entgegensetzte . Welch ein armseliges Ding , sagten die Leute ; viele waren der Ansicht , daß man eine neue Spezies entdeckt habe , eine Art Höhlenmensch etwa , und unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die , daß der Knabe jede andre Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies . Nach und nach wurden die einzelnen Umstände , unter denen der Fremdling aufgetaucht war , allgemein bekannt . Am Pfingstmontag gegen die fünfte Nachmittagsstunde war er plötzlich auf dem Unschlittplatz , unweit vom Neuen Tor , gestanden , hatte eine Weile verstört um sich geschaut und war dann dem zufällig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die Arme getaumelt . Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse des Rittmeisters Wessenig vor , und da nun einige andre Personen hinzukamen , schleppte man ihn mit ziemlicher Mühe bis zum Haus des Rittmeisters . Dort fiel er erschöpft auf die Stufen , und durch die zerrissenen Stiefel sickerte Blut . Der Rittmeister kam erst um die Dämmerungsstunde heim , und seine Frau erzählte ihm , daß ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der Streu im Stall schlafe ; zugleich übergab sie ihm den Brief , den der Rittmeister , nachdem er das Siegel erbrochen , mit größter Verwunderung einige Male durchlas ; es war ein Schriftstück , ebenso humoristisch in einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit . Der Rittmeister begab sich in den Stall und ließ den Fremdling aufwecken , was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde . Die militärisch gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit sinnlosen Lauten beantwortet , und Herr von Wessenig entschied sich kurzerhand , den Zuläufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen . Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft , denn der Fremdling konnte kaum mehr gehen ; Blutspuren bezeichneten seinen Weg ; wie ein störrisches Kalb mußte er durch die Straßen gezogen werden , und die von den Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spaß an der Sache . » Was gibts denn ? « fragten die , welche den ungewohnten Tumult nur aus der Ferne beobachteten . » Ei , sie führen einen betrunkenen Bauern « , lautete der Bescheid . Auf der Wachtstube bemühte sich der Aktuar umsonst , mit dem Häftling ein Verhör anzustellen ; er lallte immer wieder dieselben halb blödsinnigen Worte vor sich hin , und Schimpfen und Drohen nutzte nichts . Als einer der Soldaten Licht anzündete geschah etwas Sonderbares . Der Knabe machte mit dem Oberkörper tanzbärenhaft hüpfende Bewegungen und griff mit den Händen in die , Kerzenflamme ; aber als er dann die Brandwunde verspürte , fing er so zu weinen an , daß es allen durch Mark und Bein ging . Endlich hatte der Aktuar den Einfall , ihm ein Stück Papier und einen Bleistift vorzuhalten , danach griff der wunderliche Mensch , und malte mit kindisch-großen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser . Hierauf wankte er in eine Ecke , brach förmlich zusammen und fiel in tiefen Schlaf . Weil Caspar Hauser , so wurde der Fremdling von nun ab genannt , bei seiner Ankunft in der Stadt bäurisch gekleidet war , nämlich mit einem Frack , von dem die Schöße abgeschnitten waren , einem roten Schlips und großen Schaftstiefeln , glaubte man zuerst , es mit einem Bauernsohn aus der Gegend zu tun zu haben , der auf irgendeine Weise vernachlässigt