Spitteler , Carl Die Mädchenfeinde www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Carl Spitteler Die Mädchenfeinde Abschied von Sentisbrugg Noch bis zum letzten Feriendonnerstagabend hatten sie gemeint , die armen Kadettenbüblein , es könne einfach nicht sein , daß sie wieder fort müßten von Sentisbrugg , in die mürrische Stadt und den hässigen Zank der Schule . Sie hatten sich eingebildet , im schlimmsten Fall , wenn jede Hoffnung geschwunden wäre , so daß sie längst nicht mehr daran dächten , werde sich zu allerletzt die Natur ins Mittel legen und irgendeine rettende Katastrophe stiften , zum Beispiel ein Erdbeben - warum denn nicht ? das komme ja vor - oder eine Überschwemmung , oder eine Lehrerseuche , oder eine plötzliche Kriegserklärung , was weiß ich . Und den langen , schönen Donnerstagnachmittag waren sie auf der Gaisfluh gelegen , geduldig auslugend , ob nicht vielleicht die französischen Kürassiere links den Berg heraufgesprengt kämen oder von rechts die badischen Jäger mit finstern Waffenröcken und schmetternden Trompeten . Erst jetzt , als sie nach ergebnisloser Erwartung niedergeschlagen heimkehrten , mit Efeu , das ihnen die Hirtenmädchen umgehängt , überwuchert wie zwei wandelnde Gartenlauben , und im Dämmerzwielicht gewahrten , wie die Großmutter erbarmungslos den Koffer packte , begriffen sie , daß sie von der ganzen Welt verraten waren . Da kletterten sie in ihrem Elend zuoberst auf den Ofen , leerten den Kater , der sich dort in einer Jacke eingenistet hatte und nicht wußte , will er weichen oder nicht , auf den Stubenboden und duckten sich in den Winkel . Und wie sie nun von da oben im Dämmerschein die Herrlichkeiten überschauten , die sie morgen verlassen mußten , das Uhrgehäuse mit der Geißel darin und dem Großvater daneben , dem seßhaften , dem man so bequem auf die Knie springen konnte , und die Fliege , die verschlafen auf dem Tisch herumspazierte und morgen , ach Gott , wenn sie schon längst fort waren , noch hier herumspazieren durfte , die Glückliche , verspürten sie solch ein unleidliches Weh , daß sie anfingen zu wimmern . Weil aber die Klagetöne so unerwartet natürlich hervorkamen , daß es sie selber erbarmte , gerieten sie auf den Einfall , man könnte möglicherweise auch Großelternherzen damit erweichen . Deshalb fuhren sie nun mit ihrem Jammer absichtlich fort , erst schüchtern und pröbelnd , hernach , als das nichts fruchtete , in zweistimmigem Crescendo , schließlich mit resolutem Heulen wie die Verdammten . Inzwischen rösteten die heißen Platten ihre Schenkel , so daß ihr Klagegesang in grimmige Schmerzensbeteuerungen ausartete ; unversehens raschelten sie in ihrem Efeugeheg über den Ofen hinab , knurrend wie zwei Pardel im Prärienbrand . Ohne rechten Glauben , nur um ja nichts zu unterlassen , versuchten sie noch eine letzte Möglichkeit : über Nacht schnell krank werden . Wie wird ein Mensch krank ? indem er sich erkältet ; wie erkältet sich ein Mensch ? dadurch , daß er nasse Füße bekommt . Folglich tauchten sie , als alle Welt schlief , die Füße ins Waschbecken , setzten sich im Hemd aufs Fensterbrett , die tropfnassen Füße nach außen , in die kühle Nachtluft gestreckt , und erwarteten dann in den Betten die Wirkung . » Gerold , bist du krank ? « schnellte der kleine Hansli aus den Kissen , als ihn die Morgensonne in die Augen blendete . » Leider nicht . Und du ? « » Nicht einmal Kopfweh . « Jetzt war es aus , einfach aus ; rundum nirgends mehr der Schatten einer Rettung . Da bemächtigte sich ihrer die Verzweiflung , und die Verzweiflung lud ihr Gemüt mit Weltwut . Weil sie sich aber gegenseitig Schimpf und Schande zuwarfen , dafür , daß der andere nicht krank geworden war , mündete die Weltwut in eine grimmige , strampelnde Bruderschlacht , die Fäuste in den Haaren , mich an die Wand , dich an die Wand , bis Gerold einen tüchtigen Kratzstriemen weg hatte und aus Hanslis Nase Blut tröpfelte ; das erleichterte . Das Waschbecken lag auch auf dem Boden ; das beruhigte . Nun halfen sie einander friedlich beim Ankleiden ; Gerold nestelte dem kleinen Infanteristen das gefältelte Vorhemd , Hansli schnallte dem Bruder Kanonier den Säbelgurt zu , ein mühseliges Geschäft , denn Gerold hatte sich in den Ferien allseitig abgerundet . Gestiefelt und geschmückt , stolz auf ihren funkelnden Kadettenstaat , den roßhaarbebuschten Tschako tief in der Stirn , betraten sie den Flur , meldeten ihre bevorstehende Ankunft mit Siegesgeschrei und ritten schnell wie der Biswind schlittlings die Stiegenlehne hinab . Unten wurden sie von den Großeltern empfangen . Zuerst erhielten sie vom Großvater den Tagesbefehl : Sie würden diesmal nicht mit der Post heimreisen , eröffnete er ihnen , bloß der Koffer fahre mit der Post ; für sie selber gebe es eine Ausnahmsgelegenheit , die Reise kostenlos auszuführen . » Paßt auf , was ich sage : Zuerst geht ihr zu Fuß bis nach Schönthal . - Ruhig , ihr könnt nachher jubeln , jetzt heißt es hören , was ich sage . - Den Weg nach Schönthal hinab , anderthalb Stündchen im höchsten Fall , werdet ihr allein finden , das ist kein Hexenwerk auf der breiten Fahrstraße ; wenn man ein Fäßchen in Sentisbrugg losließe , würde es von selber nach Schönthal rollen . Übrigens seid ihr ja alt genug , um nötigenfalls zu fragen . Mit Patrontasche und Säbel werden hoffentlich ein paar zwölfjährige Kadetten keine Kindsmagd mehr nötig haben . « » Elfjährig « , verbesserte Gerold , » zehnjährig « , krähte Hansli . » Zehnjährig oder zwölfjährig , das ist Nebensache . « » Der Dolf kann sie ja bis