Keyserling , Eduard von Dumala www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard von Keyserling Dumala Der Pastor von Dumala , Erwin Werner , stand an seinem Klavier und sang : » Der Nebel stieg , das Wasser schwoll , Die Möwe flog hin und wied-e-r « - Er richtete seine mächtige Gestalt auf . Sein schöner Bariton erfüllte ihn selbst ganz mit Kraft und süßem Gefühl . Es war angenehm zu spüren , wie die Brust sich weitete , wie die Töne in ihr schwollen . » Aus deinen Augen liebevoll Fielen - die Tränen - nie-ie-der . « Er zog die Töne , ließ sie ausklingen , weich hinschmelzen . Seine Frau saß am Klavier , sehr hübsch mit dem runden rosa Gesicht unter dem krausen aschblonden Haar , hellbeleuchtet von den zwei Kerzen , die kurzsichtigen blauen Augen mit den blonden Wimpern ganz nah dem Notenblatt . Die kleinen roten Hände stolperten aufgeregt über die Tasten . Dennoch , wenn ein längeres Tremolo ihr einen Augenblick Zeit ließ , wagte sie es , von den Noten fort zu ihrem Mann aufzusehen , mit einem verzückten Blick der Bewunderung . Es war zu schön , wie der Mann , von der Musik hingerissen , sich wiegte , wie er wuchs , größer und breiter wurde , wie all das Süße und Starke , all die Leidenschaft herausströmten . Das gab ihr einen köstlichen Rausch . Tränen schnürten ihr die Kehle zusammen und um das Herz wurde es ihr seltsam beklommen . » Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib , Die Seele stirbt vor Seh-nen - « Die Stimme füllte das ganze Pastorat mit ihren schwülen Leidenschaftsrufen . Die alte Tija hielt im Eßzimmer mit dem Tischdecken inne , faltete ihre Hände über dem Bauch , schloß ihr eines , blindes Auge und schaute mit dem anderen starr vor sich hin . Dabei legte sich ihr blankes , gelbes Gesicht in andächtige Falten . Das ganze Haus , bis in den Winkel , wo die Katze am Herde schlief , klang wider von den wilden und schmelzenden Liebestönen . Sie drangen durch die Fenster hinaus in die Ebene , wo die Nacht über dem Novemberschnee lag ; ja vom nahen Bauernhof antwortete ihnen ein Hund mit langgezogenem , sentimentalem Geheul . » Mich hat das unglücksel ' ge Weib Vergiftet - vergiftet - - « Die Fenster bebten von dem Verzweiflungsruf . Die Katze erwachte in ihrer Ecke , die alte Tija fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und murmelte : » Ach - Gottchen ! « » Vergiftet mit ihren Tränen . « - Die kleine Frau lehnte sich in ihren Stuhl zurück , faltete die Hände im Schoß und sah ihren Mann an . Pastor Werner stand schweigend da und strich sich seinen blonden Vollbart . Er mußte sich auch erst wieder zurückfinden . Jetzt war es ganz still im Pastorate . Nur Tija begann wieder leise mit den Tellern zu klappern . » Wie Siegfried ! « kam es leise über die Lippen der kleinen Frau . » Wer ? « fuhr Pastor Werner auf . » Du « , sagte seine Frau . Werner lachte spöttisch , wandte sich ab und begann , die Hände auf dem Rücken , im Zimmer auf und ab zu gehen . So war es jedesmal , wenn er sich im Singen hatte gehen lassen , wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte . Dann kam der Rückschlag . Man hatte geglaubt , etwas Großes zu erleben , einen Schmerz , eine Leidenschaft , und dann war es nur ein Lied , etwas , das ein anderer erlebt hat , und die Winde des Zimmers mit ihren Photographien , die großen schwarz und rot gemusterten Möbel , all das beengte ihn , drückte auf ihn . Seine Frau saß noch immer am Klavier und starrte in das Licht . Auch bei ihr war der schöne Rausch der Musik vorüber . Nur eine müde Traurigkeit war übriggeblieben . Sie dachte darüber nach , warum er sich geärgert hatte , als sie » Siegfried « sagte . Das kam oft so . Wenn sie ganz voll von Begeisterung für ihn war , dann war ihm etwas nicht recht , und er lachte kalt und spöttisch . » Lene , essen wir nicht ? « fragte Werner . Da fuhr sie auf . » Natürlich ! Gefüllte Pfannkuchen ! « Und sie lief in die Küche hinaus . Am Eßtisch unter der Hängelampe war alles Fremde und Erregende fort . Wenn es ihm schmeckte , war Pastor Werner gemütlich , das wußte Lene . Dann konnte sie ruhig vor sich hinplaudern , ohne berufen zu werden , dann hatte sie das Gefühl , daß er ihr gehörte . » Die Baronin aus Dumala fuhr heute hier vorüber « , berichtete sie . » So « , meinte Werner , und sah über das Schnapsglas , das er zum Munde führen wollte , hinweg seine Frau scharf an : » Nun - und ? « » Nun , ja . Sie hatte eine neue Pelzjacke an . Entzückend ! « Werner trank seinen Schnaps aus und fragte dann : » Stand sie ihr gut , diese Jacke ? « Lene seufzte : » Natürlich ! Diese Frau ist ja so schön ! « » Was ist dabei zu seufzen ? « fragte Werner . » Laß sie doch schön sein . « » Weil ich sie nicht mag « , fuhr Lene fort , » deshalb . Sie will alle Männer in sich verliebt machen . Aber schön ist sie . « Werner lachte . » Was für Männer ?