Hauptmann , Carl Einhart der Lächler www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Carl Hauptmann Einhart der Lächler Erster Band Erstes Buch 1 Wenn jetzt einmal die Seelen von Einharts Vater und Mutter rein für sich gegeneinander klangen , was fast nie mehr geschah , war es nur eine monotone Dissonanz . Laut oder heimlich . Einharts Vater war ein gewichtiger Ordnungsmann , schon als er die junge , wohlhabende Zigeunerdirne heiratete . Er war ein peinlich pflichtgetreuer Beamter , der damals schon eine höhere Postverwaltungsstelle in einer kleinen Stadt versehen , ein Mann von strengen , soldatisch gebundenen Formen im Umgang , mit scharfen , schwarzen Augen , die wenig und kurz lachten , so nebenhin nur , die selten aus der Würde kamen - mit einem dunklen , strengen Schnurrbart , der so voll stand , daß die Hand sich nie um ihn kümmerte , die schon damals steif herabhing ohne Geste , wenn sie nicht eifrig und flüchtig mit dem großen Rohrhalter ihre Arbeit tat - oder auch leicht gebieterisch sich streckte , wenn Herr Selle Anordnungen gab , oder etwas verwies . Wenn jetzt , in den wirklichen Widerwärtigkeiten mit Einhart , Herr Selle erregt im Zimmer hin- und herging , mußte er die Hände auf dem Rücken fest zusammen nehmen , so gleichsam sich selbst noch mehr bindend , daß er nicht doch einmal seine Würde ganz vergäße und dreinschlüge unter die phantastische , traumäugige Zigeunerbrut . So wenigstens deuchte es jetzt dem alten Herren , wo Einhart ein Jüngling geworden ganz mit den sanften , rabenschwarzen , unerwecklichen Glutaugen der Mutter und mit einer Seele voll regloser Verachtung gegen alle Wünsche und Forderungen , so weit sie von Vaters Seite kamen und ein geordnetes , bürgerliches Fortkommen betrafen , und die einfach wie Meerwasser von einer Öljacke abtroffen , selbst wenn wahre Gewaltwogen der Sittlichkeit den nur halb in dieser Welt des Scheins sich aufhaltenden Sinnierer und Lächler zu erschüttern und auf rechte Wege zu bringen versuchten . Es war ein Irrtum von Herrn Selle , daß ihm schien , als wenn er schon früher , so gleichsam von Anfang an , Frau Selle mit den strengen Blicken des Vorwurfs angesehn . Wenn es auch Geistesgemeinschaft nie zwischen ihnen gegeben . Dessen hatte Luisa nie bedurft . Flammen waren zusammengeschlagen . So gebunden er auch gewesen , stolz und würdig , die heißen Flammen schmelzen noch immer die Erstarrungen . Flammen waren aus der jungen Dunklen gekommen . Sie hatte noch jetzt Augen von verzehrender Sehnsucht . Wie sie ihn angesehen , der jung und kalt geschienen , hatte sie den Fels schmelzen wollen . Sie war wirklich eine Zigeunerin von Blut . Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten . In Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter , die betteln kam und sich krank hingeschleppt , gesehen , es richtig gekauft und angenommen an Kindesstatt . Natürlich war Luisa dann im Bürgerhause in sanfter Erziehung aufgewachsen . Nur noch im Blicke lag manchmal etwas Demütiges oder auch Wildes , was leicht einsank und sich vergaß , daß das Mädchen dann lange wie erstarrt geschienen . Schön war Luisa nie gewesen , braungelben Gesichtes , ein wenig schmal und leicht welk . Etwas Kochendes , etwas Verzehrendes im Blicke nur . Aber das kam nur von ferne . Als wenn ein weiter Garten stiller Traumblumen läge in Demut und Trauer , und über hohe Gitterstäbe sähe der Haß herein mit spitzen , gelben Blicken . Aber ihre dunklen Augen lachten dann auch gleich , wenn der Haß kam . Daß Herr Selle wenn nicht eine sanfte , doch eine achtlos versöhnte , hinlachende Demütige in beginnenden Uneinigkeiten vor sich gehabt , als die Gluten Luisas kälter geworden , die ersten Kinder an ihrer Brust gesogen , ihr Auge wie einer Raubtiermutter Auge , ihr schlanker , jäher Leib wie einer Tigermutter Leib zum Haßsprunge bereit über der Brut gewacht . Damals hatte Herr Selle nur eins ums andere der dunklen , lieblichen Mädchenkinder in Luisas Fürsorge und zehrender Mutterpflege angesehen , und hatte Frau Selle nur wieder heiß begehrt , eine Jugend die andere , schmachtend und unbesonnen , und durch keine Harmonien anders gebunden , als die Glut des Blutes und der Sinne , und es war in ihm wirklich immer wieder Würde und Pflicht und sonstiges sittliches Meinen in des Begehrens heißer Quelle ertrunken . Das war lange her . Einhart war jetzt über die Sechzehn , noch sehr schmächtig und fast wie ein Knabe . Es waren außerdem vier Schwestern im Hause . So kamen sie nach der Reihe : Johanna , Katharina , Einhart , Rosa und Emma . Mutter und Vater kannten sich kaum noch . Leib und Leben stand nun da und hier . Herr Selle sprach jetzt überhaupt nicht . Oder wenn er sprach , sprach er zu niemand recht , nur so mit ernstem Blick in die Luft . Er hatte eine hohe Stellung erklommen . Auch Frau Selle fühlte das . Er war geheimer Rat . Die schwarzäugigen Töchter sahen an ihm auf und streichelten ihn . Sie versuchten ihm auch in die Augen zu sehen . Wenn es jetzt ein Zerwürfnis gab um Einhart , der wie ein schriller Ton allmählich in dumpfes Brüten klang , dann vermochten die phlegmatischen Zigeunerfräulein , die sie fast alle schon geworden , doch noch wieder schlau die Dissonanzen leise zu verstreichen . Sie stillten der Mutter dann oft plötzlich aufquellende Ratlosigkeit mit leicht gesponnenen Schmeichelgeweben und umstellten den erregten Herrn Geheimrat , der im Schlafrock eifrig auf dem weichen Teppich hinschritt , noch immer mit auf dem Rücken fest