Thoma , Ludwig Andreas Vöst www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Thoma Andreas Vöst Bauernroman Erstes Kapitel Es war ein schöner Herbsttag . Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die abgeräumten Felder herunter , als betrachte sie behaglich die Arbeit , welche sie den Sommer über getan hatte . Und die war nicht gering . Selten war eine Ernte besser geraten , und die Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken müssen , bis die schweren Ähren gereift waren . Und wieder hatte es Wochen gedauert , bis die Halme am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in die Scheunen gebracht hatten . Nun war es geschehen , und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den Takt ; hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Göpeln im Kreise herum , und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine . Überall war fleißiges Treiben , und wenn die Sonne mit einem freundlichen Stolze darüber lachte , so hatte sie recht , denn es war ihr Werk , und es war ihr Verdienst . Die Dorfstraße von Erlbach lag still und verlassen ; die Menschen hatten keine Zeit zum Spazierengehen , und die Hühner liefen als kluge Tiere um die Scheunen herum , wo sie manches Weizenkorn fanden . Einige Gänse saßen am Weiher , streckten die Hälse und stießen laute Schreie aus ; das taten sie , weil sich die Türe eines kleinen Hauses öffnete und zwei Männer heraustraten . Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter , der andere eine Schaufel , und sie gingen gegen die Kirche zu , in den Friedhof . Die eiserne Gittertür kreischte und fiel klirrend ins Schloß . Nun konnte es jeder wissen , daß die beiden Totengräber waren , und daß an diesem schönen Tage , mitten in dem emsigen Leben , ein Mensch gestorben war . Die zwei blieben nicht im Friedhof , sie stiegen über die niedrige Mauer und fingen neben derselben in einem verwahrlosten , kleinen Grasflecke zu graben an . Das war ungeweihte Erde , in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt . Es hatte sich aber kein Erlbacher selbst entleibt , sondern das neugeborene Kind des Schullerbauern Andreas Vöst war unter den Händen der Hebamme gestorben . Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart , sogleich die Nottaufe zu vollziehen ; die Mutter war bewußtlos , und sonst war niemand anwesend , denn alle Hände waren zur Arbeit aufgeboten . So geschah es , daß die kleine Vöst nicht in den Schoß der heiligen Kirche gelangte und als Heidin nach einem viertelstündigen Leben verstarb . Ich weiß nicht , ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins so hart beurteilt wie seine Geistlichen , aber das eine ist gewiß , daß es nicht in geweihter Erde ruhen darf , worein nur Christen liegen ; darunter manche sonderbare . Also deswegen warf der Totengräber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der Kirchhofmauer die Grube auf . Er nahm den Hut ab ; jedoch nicht aus Ehrfurcht , sondern weil es ihm warm wurde . Er wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn und sagte : » Wenn er g ' scheit g ' wen woar , hätt er g ' sagt , daß er eahm selm g ' schwind d ' Nottauf geben hat . « - Er meinte den Schuller . » Ja no , « sagte der Sohn und schaufelte gleichmütig weiter . Der Alte spuckte in die Hände und brummte : » Eigentli is ' s dumm . « Dann arbeitete er wieder drauf los , und nach einer Weile war das Grab fertig . Es war klein und unansehnlich . Und da die Erde nicht sorgfältig daneben aufgeschichtet war , sondern mit Grasstücken untermengt herumlag , sah es recht jämmerlich aus . Tristl dachte wohl , daß es für ein Heidenkind schön genug sei , und er stieg bedächtig über die Mauer zurück . Es war spät geworden ; die kleinen Holzkreuze der Armen lagen im Schatten , aber auf die hohen Grabsteine schien die Abendsonne , und die goldenen Buchstaben glänzten schier heller als am Tage . Die Reichen haben es überall besser . Der Totengräber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof . Als er draußen war , sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den Pfarrhof zueilen . » Aha ! « sagte er , » der Schuller geht zum Pfarrer . Dös werd eahm weng helfen . « Und er setzte hinzu : » Eigentli is ' s dumm , daß a jeder Spitzbua drin liegen derf , und an unschuldig ' s Kind net . « Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schönes , stattliches Gebäude , zwei Stockwerke hoch , jedes mit sechs Fenstern nach der Straße hinaus . An der hellgetünchten Mauer rankt üppige Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aussehen . Davor liegt ein Blumengarten ; so bunt , wie es der Geschmack hierzulande liebt . Rote und gelbe Georginen , blasse Malven , dazu Astern in allen Farben sind in reichlicher Fülle da . Die Beete sind mit Reseden eingefaßt , und am Zaune bemerkt man auch eine Blume mit braunem Sammetkleide . Man heißt sie die schwäbische Hoffahrt . In der Mitte des Kiesweges , welcher zur Türe führt , ist ein Springbrunnen ; daraus steigt ein Wasserstrahl in die Höhe , nicht dicker als eine Stricknadel , und fällt mit einem kaum vernehmlichen Plätschern nieder . Es ist ein Ort der Beschaulichkeit . Und darüber liegt eine Ruhe , welche dem heiligen Charakter des Hauses angemessen ist . Der Pfarrer wandelt hier mit