Frapan , Ilse Arbeit www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ilse Frapan Arbeit Erstes Buch Es hatte soeben ein Uhr geschlagen . Über dem ganz lautlosen Hause » Zum grauen Ackerstein « brütete die lautlose , schwüle Sommernacht . Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen , ein langgezogenes , schlaftrunkenes Kinderweinen , und zwischenhinein laute , schrille Schreie , einer nach dem anderen . Dann erhob sich eine dritte schluchzende Stimme , die einzelne Silben jammernd hinausstieß : » Uh ! Uh ! Mam ! Uh ! « Das dunkle Eckzimmer , wo sie weinten , wurde jäh von einem hereinschießenden Lichtstreifen erhellt . Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt , so als ob es nicht Nacht wäre , eine große schwarze Frauengestalt , ihre Stirn berührte fast den niederen Querbalken über der Tür . » Kinder ! Kinder ! Attention ! « rief die Frau , hastig und erschrocken von einem Bettchen zum anderen eilend . Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei , dann brach es aus mit greller Heftigkeit , daß die ganze Luft davon zu zittern schien . Drei kleine Gestalten saßen jammernd zwischen ihren Kissen . Nun erhob sich die eine und stand lang und weiß , mit verlangend gebogenen Armen , im Bette aufrecht . Die Mutter eilte zu ihm , legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte die leichte , zitternde Gestalt niederzulegen . » Was ist dir , Hermannli ? Was ist denn , großer Bub ? « beruhigte sie ihn . Der Kleine widerstrebte , steif und unbeweglich , indes er an der Mutter vorbeistarrte , gerade hinaus mit offenen , tränenvollen Augen , den Mund vom Weinen zuckend , ohne Acht auf die streichelnden Hände . » Ruhe ! Attention ! « rief sie laut und trat hart auf den Boden . Dann lief sie hinaus und holte die Lampe . Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt . Und während die zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des großen , einfachen , weißgetäfelten Schlafzimmers durchspähten , folgte ihr der blinzelnde , sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen , aufgescheuchten Kleinen , und die Mündchen bebten , wie bereit , aufs neue hinauszuschreien . Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen , trocknete ihnen das Gesicht , klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern . Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun ; die scharfe Gramfalte um den Mund verschwand nicht . Sie war nicht hier bei den Kindern , die sie zu beruhigen strebte . Und die Kinder fühlten es . Auf einmal begann das Geschrei von neuem . Es hatte etwas Bewußtloses , Elementares , Ansteckendes . Etwas vom klagenden Wind , etwas von der Sturmglocke . Die Frau richtete sich heftig empor , unwillkürlich öffnete sich ihr Mund . Da , tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei , ein Schrei , den sie Tag und Nacht zurückpressen mußte , der sie würgte , erstickte ... Sie rang ratlos die Hände . » Hermannli , was ist denn ? Kinder , ich bitt euch ! Verrückt ! verrückt ! Man wird verrückt ! - Leg dich , Bub ! Schlaf ! « schrie sie plötzlich auf und drückte den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder . » Papa ! « schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg . » Nein ! « Sie klopfte auf den Boden . » Schlafen sollt ihr ! « Plötzlich , bei den starrenden Blicken ihrer Kinder , verließ sie die letzte Fassung . Die Tränen stürzten ihr hervor , unstillbar , unaufhaltsam , die Füße trugen sie nicht länger . Sie warf sich auf den Boden , neben die Wiege , in der das Kleinste still im Schlaf geblieben war , biß in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen . Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege , aber die Kissen dämpften die Schreie ihres Mundes . Die Lampe erlosch . Die Kinder beruhigten sich , schliefen ein . Und zwischen ihnen auf dem Boden , in voller Kleidung , sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf , den Kopf auf der Bretterdiele , in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens , die Ohren widerhallend von dem fieberischen , unbewußten Weinen ihrer kleinen Kinder , zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals . Am anderen Morgen , früh gegen sieben Uhr , kam der Vater der Frau . Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen Bart , sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen . Die Stimme drang , wie aus weiter Ferne , fast erloschen und dennoch rauh aus der mächtigen Brust . Das Mädchen , das die Stiege kehrte , erschrak vor ihm ; sie war in der letzten Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden . Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt , stand der alte Plattner vor dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang , durch den die Sonne breit auf die blanken gelben Stufen fiel , und blickte auf seine bestaubten Schuhe , während er seiner Tochter nachfragte . » Noch nicht aufgestanden ? Aber es ist bereits bald sieben Uhr . Geh , sag ' s ihr . « Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen , die sich in der ganzen Erscheinung Plattners aussprach , schien wie durch eine innere schwere Erregung verstört . Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht , und die Hand , die den Stock hielt , bebte . Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen , durch die er schwerfällig , stampfend eintrat ; er atmete stoßweise in