Scheerbart , Paul Immer mutig ! www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Paul Scheerbart Immer mutig ! Ich hatte mich verstiegen . Und das kam mir so selbstverständlich vor . So mußte es kommen . Jetzt konnte ich nicht mehr weiter ; rauf ging ' s nicht mehr und runter auch nicht . Allerdings - runter wär ' s wohl gegangen - runterkommen kann man immer . Aber die Sache hatte einen Haken . Neben mir ging ' s hinunter in die Tiefe - da hätte ich mich kopfüber hineinstürzen können - doch bei dem Sturz wäre mir wohl der Atem vergangen - und mein Körper wäre wohl zu Brei geworden . Ich befand mich in einem Gebirge , das aus hartem Stein bestand . Es tat mir schon leid , daß ich so rücksichtslos immer höher gestiegen war . Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an ; in die grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken , denn ich glaubte , nicht ganz schwindelfest zu sein . Und siehe , da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus und schob sich zur Seite , und ich erblickte in der entstandenen Öffnung ein kleines Nilpferd , das kaum halb so groß war als ich selbst . » Na , Onkelchen , « sagte das Nilpferd , » wohin willst Du ? « » Ich habe mich verstiegen ! « erwiderte ich traurig . » Das merkt ' n Pferd ! « rief da das Nilpferdchen . » Tritt nur näher ! Oder - willst Du abstürzen ? « » Nein ! Nein ! « sagte ich schnell . Und ich folgte dem kleinen Tier , das eine Lampe anzündete und mich durch einen Felsengang führte ... Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem sauberen Felsensaal . Oben in den hohen , schwarzen Gewölben brannten weiße Ampeln aus Milchglas ; Birnenform hatten die Ampeln - die Stengel hingen unten als dicke Schnüre . Jetzt erst bemerkte ich , daß das kleine Nilpferd , das wie ein Mensch auf den Hinterbeinen ging , einen dunkelblauen Flanellrock anhatte ; der ließ nur den Kopf und die vier Füße frei . » Nimm Platz ! « sagte das Nilpferd , und es setzte sich auf einen Schaukelstuhl . Ich setzte mich neben dem großen grünen Ofen auf eine Holzbank . Eine dunkelgraue Plüschdecke war über den ganzen Fußboden gespannt . Von Möbeln sah man nicht viel ; es schien eine Art Empfangsraum zu sein . Es war mir aber außerordentlich gleichgültig , wo ich mich befand ; ich war müde und abgespannt und durchaus nicht froh über meine Rettung . » Dir ist wohl nicht ganz wohl ! « sagte das Nilpferdchen nach einer Weile . Und ich erwiderte hastig : » Wenn das nicht stimmt - dann weiß ich nicht mehr , wie viel drei mal drei ist . « » Die Antwort , « flüsterte mein Retter , » ist von einer geradezu seltsamen Bestimmtheit . « Ich starrte den hohen , grünen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch . Wir hörten im Hintergrunde langsam eine große Uhr ticken und rührten uns nicht . So mochten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben , als das Nilpferdchen leise fragte : » Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir , das recht traurig stimmt ? Du hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir . « Ich drehte den Kopf langsam um , sah das Nilpferdchen groß an und sagte unsicher : » Woher weißt Du denn , daß ich sonst immer Manuskripte bei mir habe ? Ich muß mich doch wundern . « Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im Felsensaal herum und rief laut : » Er muß sich doch wundern ! Er muß sich doch wundern ! Daß ein redendes Nilpferdchen ihn gerettet hat - das wundert ihn nicht . Aber daß das Tierchen so viel weiß - das wundert ihn . « Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im tiefsten Baß : » Ich freue mich ganz eklig , daß Du Dich noch wunderst . Leute , die sich noch wundern können , sind noch nicht ganz tot . Und daß Du noch nicht ganz tot bist , das ist sehr gut . Denn - wärest Du ganz tot , so hätte ich ' s bedauern müssen , Dich gerettet zu haben ; Leichen rettet man doch nicht . « Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt , daß es so gut reden konnte . Und ich fragte leise und höflich : » Was soll ich tun ? « » Gib mir , « antwortete das Tier , » eine Geschichte zu lesen , die recht traurig stimmt . « Da suchte ich denn in meinen Taschen und blätterte in allen meinen Sachen , schüttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schließlich eine Geschichte , die mir in diesem Falle zu passen schien . Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf , ging mit meinen Blättern wieder zum Schaukelstuhl , ließ sich auf diesem vorsichtig nieder und las : Lichtwunder Nacht ! Nacht ! Lauter dunkle , schwarze Räume . Ich schwebe so dahin und weiß nicht , wo ich bin - aber ich schwebe in der unendlichen Finsternis ruhig weiter . Da zuckt was in der Ferne auf - ein kleines Pünktchen Licht ! Und nun weiß ich , wo ich mich befinde - ich fliege durch jene große Nachtkugel , die weit hinter dem leeren Raume mitten im großen Lichtmeere schwimmt , das in jedem Atome so