Scheerbart , Paul Liwûna und Kaidôh . Ein Seelenroman www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Paul Scheerbart Liwûna und Kaidôh Ein Seelenroman Es schneit Jasminblüten . Und ich schwebe in dem Jasminblütenschnee ganz langsam , als hätte ich Zeit - viele tausend Jahre nur so hinzuschweben in duftenden Blüten . Betäubend ist der Duft und es ertönt unter mir lautes Gelächter - das wird immer stärker - so stark wie wildes Donnern . Der lachende Donner wird aber bald schwächer und verhallt in der Tiefe . Und ich höre nichts mehr von dem grossen Lachen . Es verschwinden auch die Jasminblüten - die letzten fallen schnell hinunter . Der Vollmond scheint mir ins Angesicht . Ich schwebe zwischen weissen , flockigen Wolken , die eben so vom Vollmonde beschienen sind wie mein Angesicht , höher und höher . Es geht immerzu hinauf , und es geht so leicht ; ich brauche nur die Fusszehen zu bewegen . Der Mond wird kleiner und geht zur Seite als kleiner Stern . Und dann sehe ich nur noch Sterne - über mir - unter mir - und überall . Schwarz ist der Himmel , und die Sterne sind alle zu sehen - auch die kleineren . Ich schwebe leicht durch die unzähligen schimmernden Sterne durch - weiter hinauf in die dunkleren Räume , in denen nicht mehr so viele Sterne leben . Es ist da so kühl . Und mir ist so , als schwebe was neben mir . Es sind leichte , feine Gewänder - weisse - zarte . Und ich frage leise : » Wer ist bei mir ? « Und ich höre eine ferne Stimme sagen : » Dein Weib ist bei dir - die Frau , nach der du dich gesehnt hast , so lange , lange Zeit . « Und ich antworte still : » Ich erinnere mich gar nicht mehr , dass ich mich mal nach einem Weibe oder nach einer Frau gesehnt habe . Das hab ich wahrhaftig beinah vergessen . « Im weiten , dunklen Himmel werden jetzt Farben wach . Mit verwehten olivgrünen Wolkenschleiern beginnt es . Hinter den Schleiern entstehen dunkelgrüne Flecke , die rund werden und bald kleiner und bald grösser erscheinen . Und flockiges , rosa leuchtendes Gewölk sinkt von oben dazwischen und hängt bald wie zerzauste Watte da - so still wie alte Träume . Aus allen Wolken fallen Bänder , die sich ringeln und immer dünner werden - so dünn wie Haare . Blond sind die Haare , sie verlieren allmählich das Krause und hängen sich in schlaffen Strähnen über die dunkelgrünen runden Scheiben , die starren Augen gleichen . Die olivgrünen Wolkenschleier schwanken , als wärens Schaukeln . Das rosa leuchtende Gewölk hängt dazwischen ganz ruhig . Die blonden Haare zittern vor den grünen Augen . Neben mir sagt nun eine mir sehr bekannte Stimme : » Weisst du immer noch nicht , wer bei dir ist ? Blick mich doch einmal an ! « Ich drehe den Kopf und sehe eine Frau neben mir ; sie hat grosse , meergrüne Augen . Ich weiss , wer es ist . Aber ich fühle keine Erregung ; es wird nur noch stiller in mir . Wir schweben oben durch das rosa leuchtende Gewölk zusammen empor - immer höher . Sie bleibt bei mir . Und die Farben verschwinden unter uns . » Ich bin nicht so , wie du denkst ! « sagt sie da plötzlich . Ich bewege heftig meine Fusszehen und fliege hinauf wie ein Pfeil ; die Sterne sausen neben mir runter , als wenn sie fielen . Ich bin sehr ungeduldig . Doch meine Begleiterin bleibt an meiner Seite . Ich fühls ; es geht langsamer . Aus dem nachtschwarzen Himmel tauchen abermals farbige Wolken heraus , diesmal sinds purpurrote und goldene Wolken ; sie ziehen sich in langen Streifen rund um den Raum , sodass ich die Empfindung habe , in einem schwarz-roten-golden gestreiften Bienenkorbe emporzuschweben . Ich drehe meinen Kopf meiner Begleiterin zu und sehe , dass sie anders aussieht . Ihr Gesicht ist mir allerdings wiederum sehr bekannt ; heisse , braune Augen und rote Backen glühen mir wild entgegen . Ich bewege wieder meine Zehen und schiesse oben aus dem Bienenkorbe raus . Doch meine Begleiterin schwebt an mir vorbei , und ich erschrecke . Sie ist jetzt so furchtbar gross und üppig wie eine Riesendame auf Jahrmärkten . Sie schwebt dicht vor mir , und ich höre , wie sie leise sagt : » So küss mich doch ! « Ihr Gesicht kann ich nicht sehen , ich sehe nur ihren breiten , weissen Nacken und zwei lange , braune Zöpfe , die auf einem gelben Seidenkleide hin- und herpendeln . Ihr Kopf ist mit meinem Kopf in der gleichen Höhe , und ich komm ihrem Rücken ganz nahe und greife mit der Linken in ihren vollen Arm . Doch die Hand geht gleich durch ihren ganzen Leib , und die Riesendame lacht wie ein Kobold . Und sie sagt lachend : » Ich bin doch nicht aus Fleisch und Blut . Was fällt dir denn ein ? Ich bin doch Liwûna . Und du bist doch Kaidôh . Weisst du das noch nicht ? « Ich muss lächeln und erwidre traurig : » Also Kaidôh bin ich ? Na ja , ich ahnte ja stets , dass ich was andres sei . « » Natürlich ! « ruft sie , » sonst könntest du doch nicht so fein fliegen . Wir sind beide aus sehr feinem Stoff ; Luft ist plump wie Blei dagegen . Pass auf , was deine lustige Liwûna machen kann . « Dabei