Duncker , Dora Großstadt www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Dora Duncker Großstadt In einem geräumigen Zimmer , dessen Einrichtung so einfach war , dass sie beinahe an Armut grenzte , sassen zwei junge Mädchen in tiefer Trauerkleidung und ein Mann , der die Höhe der Sechzig erreicht haben mochte , um einen runden , mit einer blau und rot gewürfelten Decke bedeckten Tisch . Von draussen schlug in kurzen Absätzen ein stössiger Nordost gegen die Fensterscheiben . Am Himmel zogen graue , schwere Wolken einher und verdunkelten auf Augenblicke das kahle , unfreundliche Gemach . Man konnte dann nur noch die bleichen Gesichter der beiden Mädchen und die auf dem Fussboden verstreuten Blütenblätter von weissen Astern und hellfarbigen Rosen deutlich unterscheiden . Ein widerlicher Geruch von Karbol , Räucheressenzen , Cichorienkaffee und toten Blumen durchzog den Raum . Eine zeitlang war es ganz still zwischen den Dreien . Nur ab und zu klirrte ein Kaffeelöffel gegen eine der Tassen auf dem Tisch , vornehmlich von dem breiten geblümten Sofa her , auf dem in gebückter Haltung der Mann - eine starkknochige , breitschultrige Gestalt - sass . Als er jetzt mit der Hand ungeschickt gegen die dickbauchige Kaffeekanne stiess und beinahe den ganzen starkduftenden Trank verschüttet hätte , rief er ungeduldig die beiden ihm gegenübersitzenden Mädchen an . » Bring ' doch endlich eine von Euch Licht , man sieht ja nicht die Hand vor Augen mehr . « Die schlankere und schmächtigere der beiden Mädchen war sofort aufgesprungen und kam nach einigen Augenblicken mit einer brennenden Lampe wieder , die sie in der einen Hand trug , während die andere sich schützend über die rotverweinten Augen legte . Auch die im Zimmer verbliebene Schwester beschattete ihr Gesicht vorerst gegen den grell einfallenden Lichtschein . Nachdem das Mädchen die Lampe auf das rotgewürfelte Tischtuch gestellt hatte , schloss sie sorgfältig die Fensterladen , durch deren herzförmige Ausschnitte jetzt kaum noch ein fahler Tagesschein drang , so schnell hatte die Dunkelheit zugenommen . Auch der Wind war stärker geworden . Heulend pfiff er gegen die Hauswand und wieder zurück , als ob er sich erbose , da einen Widerstand zu finden . Als das junge schmächtige Mädchen mit ihrer Verrichtung am Fenster fertig war und sich dem Tische wieder zuwandte , standen ihr die Thränen in den Augen . » Welch ' eine Nacht für Mutter da draussen , « stiess sie halblaut , selbst wie vom Frost geschüttelt , hervor . Die jüngere Schwester , kleiner und rundlicher wie sie , drückte ihr die Hand . Auch in ihren Augen standen Thränen . » Grässlich , Lotte , solch ' eine erste Nacht auf dem Kirchhof . « Der Mann auf dem Sofa überhörte absichtlich die halblaute , ruckweise geführte Unterhaltung zwischen seinen Töchtern . Er rührte in seiner Kaffeetasse und warf dabei einen halben , verlangenden Blick auf den Pfeifenständer an der Wand , sich gegenüber . Nee , nee , das würd ' ja wohl doch nichts werden . So an Mutters Begräbnistag ging das nicht wohl an . - Mit einem langen Zuge leerte er den Kaffeerest aus seiner grossen Tasse , schob mit dem Rücken der Hand Brodkrumen und Gerätschaften bei Seite und sah dann mit einem halb mitleidigen , halb genierten Blick zu seinen beiden stumm dasitzenden Töchtern hinüber . » Ihr wolltet ja was mit mir bereden , Kinder . Na , denn man los und lasst die Köpfe nicht so miesepetrig hängen , wie ein paar kranke Gäule . Mutter war doch nu mal nicht zu helfen . Ein Wunder , dass wir sie so lange behalten haben . Nu hilft ' s mal nichts , nu müssen wir eben ohne sie fertig zu werden suchen . Was wollt Ihr also ? « Lotte , die ältere und schlankere von beiden , hatte ihr Taschentuch hervorgezogen und schluchzte , keines Wortes mächtig , leise hinein . Die andere , Lena , versuchte ihre Schwester zu trösten . Als sie sah , dass ihre Bemühungen nicht den geringsten Erfolg hatten , wandte sie sich zu ihrem Vater hinüber . » Wir wollten mit Dir darüber sprechen , Vater , dass Lotte und ich , wo wir nun hier nicht mehr nötig sind , unseren alten Plan wieder aufnehmen und nach Berlin ziehen wollen . Onkel Karl ist ja soweit auch ganz dafür , und er meinte , Dir würd ' s auch recht sein , wenn wir uns nun endlich selbstständig machten . Es sei doch auch mehr als notwendig , und hier in dem Nest nichts für uns zu holen . « » Hm . Und wie dachtet Ihr Euch das ? Du wirst Dir das ja doch wohl mit Onkel Karl schon alles gründlich ausklabautert haben , Lena ? « » Ja , Onkel meinte - er wird ja auch noch selbst mit Dir reden - das beste wäre , wir gingen so schnell als möglich , damit hier nicht erst noch viel draufgeht . Es ist ja jetzt bald Ende September . Die Wohnung wirst Du vielleicht noch zum 1. Oktober los , und wir haben gerade jetzt zum Quartal doch die beste Chance für Berlin . « » Das klingt ja alles sehr schön , aber was denkt Ihr , was aus mir werden soll , hm ? « » Du hast ja doch Deine Gnadenpension , Vater - und wenn Du uns los bist , dann kostet Dich doch das Leben nicht mehr viel . Wenn wir erst verdienen , schicken wir Dir ja auch gern dazu , Vater , und so ein einzelnes Zimmer , vielleicht bei Karsten in der Färbergasse , wo Du immer