May , Karl Am Jenseits www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl May Am Jenseits Erstes Kapitel Eine Kijahma » Sihdi1 , es war doch immer wunderschön , wenn wir beide , auf unsern unvergleichlichen Pferden sitzend , so ganz allein , von keinem fremden Menschen begleitet , immer hinein in Allahs schöne Welt ritten , wohin es uns gefiel ! Diese Welt gehörte uns , denn da wir keine Seele bei uns hatten , konnte niemand sie uns streitig machen . Wir thaten , was wir wollten , und unterließen , was uns nicht gefiel ; wir waren unsere eigenen Herren , denn wenn es jemanden gab , dem wir zu gehorchen hatten , so bestand dieser Jemand aus zwei Personen , nämlich aus mir und aus dir . Ich bin mir da oft als der Gebieter des ganzen Erdkreises vorgekommen und habe die unersteigbaren Höhen meines Ruhmes aus den Tiefen meines Selbstbewußtseins hervorgeholt , um in andachtsvoller Bewunderung an ihnen emporzuklimmen und dann fröhlich wieder herabzusteigen . Das konnte ich , weil wir allein waren und es also keinen unwillkommenen Störenfried gab , dem es einfallen konnte , ohne meine Erlaubnis und hinter meinem Rücken mit hinauf- und hinunterzuklettern . Ja , das war eine sehr , sehr schöne Zeit , in welcher wir erlebten , was kein anderer Mensch erlebt , und zwar nur deshalb , weil wir eben so allein waren und uns nur nach uns selbst zu richten brauchten . Ich sage dir , Sihdi , alle diese Thaten und Begebenheiten sind rundum an den Wänden meiner innern Seele aufgeschrieben und mit unvergänglichen Pflöcken in den Boden meines Gedächtnisses eingeschlagen , wie man Pferde , Kamele und lebhafte Ziegen an Pflöcke bindet , wenn man befürchtet , daß sie über Nacht den ihnen angewiesenen Ort mit einem andern vertauschen wollen . « Er machte eine Pause , um nach diesem langen Satze einmal ausgiebig Atem zu holen . Wer dieser » Er « war ? Wer ihn noch nicht an seiner eigenartigen Ausdrucksweise erkannt hat , der mag weiter hören . Er fuhr nämlich sogleich fort : » Also ich denke noch mit Wonne an die Zeiten zurück , in denen wir uns nur nach uns selbst zu richten brauchten , denn da habe ich empfunden , daß der Mann der eigentliche und wirkliche Beherrscher seines Lebens und seines Daseins ist . Aber ebenso schön und in mancher Beziehung noch schöner ist es doch , wenn man einen Tachtirwan2 bei sich hat , in welchem die holdselige Gebieterin des Frauenzeltes sitzt . Meinst du , daß ich da recht habe ? « » Ob du da recht hast , kann doch ich nicht wissen , mein lieber Halef , « antwortete ich . » Wie ? Das könntest du nicht wissen ? Warum denn nicht ? « » Weil in diesem Tachtirwan sich die Gebieterin nicht meines sondern deines Frauenzeltes befindet und es also nur dir , aber nicht mir möglich ist , einen solchen Vergleich zwischen früher und heute anzustellen . « » Ja , richtig ! Um meine Frage beantworten zu können , müßtest du deine Emmeh auch mitgenommen haben . Du kannst also gar nicht wissen , was für ein großer Unterschied darinnen liegt , ob man die liebliche Behüterin seines Glückes daheim gelassen oder ob man sie mitgenommen hat . Du hast mir einmal gesagt , wie das heilige Buch der Christen das richtige Verhältnis zwischen Mann und Weib erklärt . Kannst du dich darauf besinnen , Effendi ? « » Ja . « » Du sagtest ungefähr : Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde , und zwar ein Männlein und ein Weiblein . Allah hat zweierlei Eigenschaften , nämlich die Eigenschaften der Allmacht , wozu die Ewigkeit , Weisheit , Gerechtigkeit gehören , und die Eigenschaften der Liebe , welche sich auch in seiner Gnade , Langmut , Güte und Barmherzigkeit äußert . Wenn der Mensch , welcher aus zwei Wesen besteht , ein Bild Gottes zu sein hat , so soll also der Mann ein Bild der göttlichen Allmacht und die Frau ein Bild der göttlichen Liebe sein . Habe ich mir das nicht sehr gut gemerkt ? « » Ziemlich richtig . « » Wenn auch nur ziemlich , für mich genügt es doch . Seit du mir diese Erklärung gegeben hast , bin ich stets bemüht gewesen , ein Bild von Allahs Allmacht zu sein . Du weißt , wie tapfer und umsichtig ich im Kampfe und wie weise , klug und gerecht ich in der Regierung meines Stammes bin . Diese eine Seite meines menschlichen Wesens läßt also wohl kaum etwas zu wünschen übrig . Und die andere Seite , welche dort in der Sänfte sitzt und ihre freundlichen Augen unaufhörlich auf mich richtet , ist auch genau so , wie Allah sie wünscht , nämlich ein Bild der Liebe , die mir jeden Tag zur Wonne und jede Stunde zum Vergnügen macht . Und diese Spenderin des Glückes auch während der Reise bei sich haben zu können , das ist eine Seligkeit , die mir auf unsern früheren Ritten leider versagt bleiben mußte . Ich habe gesagt , daß es früher schön war , und möchte aber behaupten daß es jetzt fast noch schöner ist ! Verstehst du mich nun ? « » Ja . « » Hast du denn mit deiner Emmeh noch niemals eine Reise gemacht ? « » Oh doch ! « » Da hast du natürlich auf dem Pferde gesessen und sie im Tachtirwan ? « » Nein . Tachtirwanat gibt ' s bei uns nicht . « » Nicht ? So hat sie frei auf dem Kamele