Frapan , Ilse Wir Frauen haben kein Vaterland www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ilse Frapan Wir Frauen haben kein Vaterland Monologe einer Fledermaus An dem studentischen Mittagstisch , wo ich speiste , nachdem ich die Hälfte der vorhandenen Pensionen durchprobiert , war ich flüchtig mit ihr bekannt geworden . Sie hatte einen sehr schlechten Platz an der Ecke der langen schmalen Tafel . Wollte jemand zu den am Fenster aufgereihten Stühlen , so mußte sie aufstehen und sich an die Wand drücken , nachdem sie ihren Stuhl rasch unter den Tisch gestoßen hatte . Die aufwartenden Mädchen rannten gegen sie , wie gegen eine Klippe , machten dann beleidigte Gesichter und bedienten sie zu allerletzt . Ich saß drei Stühle weiter und aß schon Fleisch , während sie noch keine Suppe hatte . Sie knabberte mit zerstreuter Miene ihr trockenes Brötchen auf , machte zuweilen einen langen Hals , wenn alle Teller an ihr vorbeigingen , sagte aber nichts . Sie sah kindlich-schüchtern aus . Eines Mittags goß ihr das Mädchen die Bratensauce über die dunkelblaue Bluse , in der sie täglich erschien . Sie stieß einen hellen Schrei aus und wurde dann sehr rot , als alle sie anblickten . Ihr rundes weiches Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Bestürzung an , während sie an sich hinuntersah , - dann hörte ich auch ihre Stimme . Sie sagte zu dem Mädchen , das sie beflissen abwischte : » Oh danke ! danke vielmal ! « Weiter nichts . Sie sprach mit niemand , und niemand redete sie an . Ganz fremd und einsam saß sie zwischen den übrigen , die sich meistens lebhaft , aber mit gedämpften Stimmen unterhielten . Sie sah so jung aus , als ob sie überhaupt noch nicht hierher gehörte , ein richtiges naives Kindergesicht . Gewöhnlich saß sie ernst und träumerisch auf ihrem unbequemen Eckplatz . Zuweilen aber zuckten schelmische Geister um die vollen roten Lippen , und sie schien mit Mühe ein Lachen zurückzudrängen . Ein paarmal begegneten sich unsere Augen , und der lebhafte , funkelnde Blick der ihrigen , der wenig zu dem naiven Gesichtsschnitt paßte , fiel mir wieder und wieder auf . Es war etwas Sternengleiches , still Feuriges in diesen nicht großen , dunklen , stark gewölbten Augen . Das reiche braune Haar war kurz geschnitten , aber nicht nach Männerart , sondern es legte sich , in der Mitte gescheitelt , in großen natürlichen Locken um die Stirn , die Schläfen und die vollen Wangen , die fast ländlich gesund in ihrer warmen Röte von den bleichen überwachten Gesichtern der andern weiblichen Tischgäste abstachen . Sie gefiel mir , und ich begriff nicht recht , warum sie so allein blieb . Sie hatte doch ein so einladendes Gesicht , wenn sie auch nicht hübsch war . Allmählich begann sich zwischen ihr und mir eine freundliche , obschon wortlose Beziehung zu entwickeln . Wenn ich an den Tisch kam , sah ich nach ihrem Platz , und wir tauschten ein kurzes erkennendes Lächeln . Dasselbe geschah beim Aufstehn , und ich hatte bald das Gefühl , als kennte ich sie längst und wüßte ihre Gedanken . Als ob wir in einer uns selbst noch verborgenen Verwandtschaft zu einander ständen . In dem engen Flur , der als Garderobe diente , traf ich sie einmal , da schon alle weggegangen , wie sie stand und sich den Ellbogen rieb . Mir fiel ein , daß sie den Mittag wieder arg gestoßen worden . » Sie haben einen abscheulichen Platz , Fräulein , « sagte ich , während wir unsere Jacken anzogen . Fragend und errötend blickte sie mich an . » Da an der Tischecke meine ich ; nächstens werden Sie noch umgeworfen . « » Das kommt wohl nicht von dem Platz her , « sagte sie lächelnd . » Freilich ! Sie werden dort jeden Tag gestoßen . « » Ja , ich werde immer gestoßen , - es ist etwas gênant . « » Beklagen Sie sich bei der Wirtin , Fräulein . « » Ja , aber gerade die Wirtin hat mir diesen Sitz angewiesen . « Sie sah mich schüchtern an . » Warum lassen Sie sich ' s gefallen ? Der Platz sollte wechseln , dann würden doch mal wir alle der Reihe nach gestoßen . « » Oh , das möchte ich niemals verlangen ; es ist ja auch nichts weiter dabei . « » Soll ich morgen mit der Wirtin reden ? « » Bitte , nein , es ist wirklich nicht wichtig , und - die Frau müht sich so , neulich hat sie mir ' s geklagt . « » So , also mit der sprechen Sie , « sagte ich . » Hie und da schon , - sie quält sich redlich . « » Essen Sie schon lang bei ihr ? « » Im zweiten Semester . « » Sie sind aber geduldig . « Da riß sie die Augen groß auf . » Ich ? Geduldig ich ? « rief sie erstaunt . Dann schüttelte sie heftig den Kopf und seufzte . Ein Bekannter trat auf mich zu , und sie blieb scheu zurück , ohne daß wir uns von einander verabschiedeten . Einige Wochen vergingen , bis wir uns wieder sprachen . Ich hatte Laboratoriumsarbeit unmittelbar nach Tisch , und auch sie schien stets in Eile . Eines Mittags aber hatte sie mein Grußlächeln so fröhlich erwiedert , hatte mich während des Essens so mit halboffenen Lippen angesehen , als ob sie mir etwas zurufen möchte , daß ich in der Garderobe einen Augenblick wartete . » Sie sehn so vergnügt aus heute