Wassermann , Jakob Die Juden von Zirndorf www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jakob Wassermann Die Juden von Zirndorf Dem Andenken meines Vaters Vorspiel Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die Geschlechter , und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft und neue Städte und neue Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde , so vermag sie doch dem heimatlichen Boden niemals seine Lieblichkeit zu rauben oder seine Rauheit , kurz jene Gestalt und jenes Antlitz , womit die Heimat ihren Sohn erfüllt , indem sie ihn gleichsam als ihr Eigentum in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens die Worte ins Herz sät : aus meinem Ton bist du gemacht . Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts , die von den Mauern Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht , hat sicherlich im Lauf der Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten ; es sei denn , daß ein gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt , oder daß eine ungestüme Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen hätte . Dort , wo Rednitz und Pegnitz zusammenfließen , haben freilich die letzten zweihundert Jahre den Flor der Wälder vernichtet , aber weiter hinüber , jenseits der alten Veste mit ihren Steinbrüchen und ihren dunklen Tannen , dehnt sich der fränkische Gau seit Urandenken als eine weite , breite , friedliche , fruchtbare Ebene , wo das Korn gedeiht und die Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe reist . Aber in jenem Winkel zwischen den beiden Strömen haben die Kriege des siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar sehr Abbruch getan . In den dreißiger Jahren befand sich hier das große Lager der Schweden , und der geängstigte Bauer fand seine Äcker mit Blut gedüngt . Schnellfüßig hastete der Kriegsschrecken durch Franken , und die kurfürstlich Onolzbachischen und die Nürnbergischen sahen sich gleicherweise gedrängt , Mut und Gottvertrauen nicht fahren zu lassen . Lange Jahre gingen hin , bis die zertretenen Felder wieder zu ihrer natürlichen Fruchtbarkeit erstarkten , und selbst nach dem Friedensschluß lag noch manches Stück Land verödet . Überall zeigten sich Spuren frecher Feindeshände . Unweit der Kapelle Karls des Großen , die am Schießanger in Fürth steht , ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe , und man sagt , die Schweden hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege : nämlich jeder Stein bedeutet ein geplündertes Haus . Langsam entfaltete sich der Frieden wieder ; schüchtern wuchs er heran und sah mit ungläubigen Augen ins ebene Land der Regnitz hinauf . Das Volk begann zu vergessen , und es kam die Zeit , wo schon die Väter und die alten Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten , und sie ließen sich die Mühe nicht verdrießen , die erlittenen Fährlichkeiten phantasievoll auszuschmücken , und was sie an Heldentaten von andern vernommen , sich selbst zuzuschreiben . So war es Kriegerbrauch seit Kriege bestehen , und auch die von Franken waren mit ihrer Zunge mehr Helden als mit ihrem Arm . Der Krieg gewinnt an Buntheit und an Froheit , wenn ihn die Jahre fortgetragen haben , und gar mancher erzählt schmunzelnd von denselben Gräueln , die ihn einst erzittern ließen bis in seine tiefste Seele . Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich unter vielem andern Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock , welcher mit seltsamen und fremdländischen Lettern bemalt war . Es war eine jüdische Inschrift auf einem Grabmonument ; die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der Juden gestohlen und ihn mitten unter die Steine rechtgläubiger Christen geworfen . Kein Christ wagte es aber , den Stein zu entfernen , denn ein großes Befremden ging von seinen verschnörkelten Lettern aus und sie hatten Furcht , daß sie dem Bann eines Zauberspruchs verfallen möchten , wenn ihre Hand den verruchten Judenblock berührte . Mehr als drei Jahrzehnte lag der Grabstein so ; wollte man seine Inschrift in die Sprache jener Zeit übersetzen , so lautete sie : » Der schöne Joseph , den man nur gern angesehen , unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden . Jetzt sind ihm Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken Hand zugegeben worden . Die Jahre seines Lebens waren wenig und boeß . Er brachte sie nicht höher als auf siebzig . Er war ein solcher Regent , der wie Barak und Deborah das Volk mit großem Ruhm regieret . Er suchte seine Lust in dem Studieren , sein Sterben war wie seine Geburt , nemlich ohne Sünde . Als seine Seele am fünften Tag in der Woche von ihm geschieden , hörte man Heulen und Weinen . In Bamberg ist er freudig gestorben , den achtundzwanzigsten Tag des Sivans . Jetzt ist dies die Zeit , da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider zerreißen und unserer Augen Tränen fließen lassen . Nach seinem Abscheiden hat man ihn zu Fürth zur Grabesruhe gebracht . Seine Seele soll gebunden sein in das Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams , Isaaks und Jakobs und der Sara . « Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden , einen Stein aus ihrem Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen . Sie glaubten , die Seele des schönen Joseph , des Naphtali Sohn , hätte keine Ruhe und wandle allnächtlich klagend zum Schwedenstein . Denn auch sie wagten nicht , den Stein zu entfernen , weil der Schwedenstein als eine Art von Friedens-Symbol galt , und jede Beschädigung einer Vorbedeutung neuen Krieges gleichgeachtet wurde . Schwer trug der Bürger und der Bauer noch an Kriegeslasten , und viele ließen vom Pfaffen ein Bittgebet um langen Frieden sprechen . So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie ein Fremdling