Bierbaum , Otto Julius Stilpe . Ein Roman aus der Froschperspektive www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Otto Julius Bierbaum Stilpe Ein Roman aus der Froschperspektive Erstes Buch Der Knabe Willibald Eine schlechte Kinderstube wird durch kein Begräbnis erster Klasse wett gemacht . Aus Stilpes zerstreuten Papieren . Erstes Kapitel Als mein Freund Stilpe geboren worden war , herrschte , wie das so üblich ist , viel Freude in der Familie . Dies umsomehr , als die Sache anfangs gedroht hatte , bös auszugehn . Tante Pauline , die nachgezählt hat , will es beschwören , daß Stilpe-Vater an jenem schweren Tage dreiundachtzig Mal : Umgotteswillen ! gesagt hat , wobei er sich , zornig halb , halb mit der Miene eines zerknirscht auf alles Gefaßten , in den Achselausschnitt der Weste fuhr und mit sämmtlichen Fingern , außer den Daumen , die eben hinten steckten , auf beide Seiten der Westenbrust trommelte . Und dabei war Stilpe-Vater eigentlich ein sehr ruhiger Mann , seines Zeichens Lepidopterologe , und konnte von sich sagen , daß er die Welt mit Gelassenheit betrachtete . Aber dieser Fall war zu sehr außerhalb der Erfahrungen seines Metiers . Das Kind lag nämlich schief , und Doktor Schatzheber , schon durch diesen Namen zum Geburtshelfer prädestiniert , sah sich genötigt , mit der Zange einzugreifen . Umgotteswillen ! Mit der Zange ! Dem Lepidopterologen , der an die gelinde Art dachte , wie sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen , hätte sich das Haar gesträubt , wenn es nicht schweißnaß am Schädel geklebt wäre . - Nu , nu ! sagte Tante Pauline : das ist das Schlimmste noch nicht . Die Hebamme hat mir erzählt ... - Umgotteswillen , Pauline , verschone mich ! Du bist nie in der Lage gewesen . Also solltest du auch nicht ... Tante Pauline rauschte ab . Es muß gesagt werden , daß die ganze aufregende Geschichte ihr eine gewisse Genugthuung bereitete . Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten ! Ja , ja , ja ! Das versöhnte sie auf eine Weile mit der Welt . Schließlich lief also Alles gut ab , nur daß der kleine Stilpe eine kleine Eindöllung am Hinterkopfe aufwies . Tante Pauline hatte die Güte , fragend zu bemerken , ob derlei nicht Blödsinn zur Folge haben könnte ? - Nein ! schnaubte Doktor Schatzheber , aber , wenn die Wöchnerin nicht bewußtlos wäre , würde ich Sie .... ; dann wusch er seine Zange in Karbol . Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran , daß ich vergessen habe , den Schauplatz von Stilpes Geburt zu nennen . Es vollzog sich dieser Akt in Leißnig , einer kleinen sächsischen Stadt , über die ich in Kürschners Quartlexikon nichts weiter finde , als daß sie an der Freiberger Mulde und nicht weit von dem Schloß Muldenstein liegt . Ich habe auch keinen Anlaß , mich bei diesem Gemeinwesen länger aufzuhalten , denn , wenn ich auch zu Beginn meiner Geschichte eine kleine Stilpopädie zu liefern gedenke , so bin ich doch weit entfernt , mich nach dem preiswürdigen Muster des lieben Meisters Rabelais auch mit den Windelerlebnissen meines Freundes zu beschäftigen . Selbst die erste Hose und die Schulzuckertüte bringt mich nicht von dem Vorsatz ab , erst in dem Augenblick einzusetzen , wo mein Freund in das versandfähige Alter eintritt , da man ihn von Hause weg und in fremde Hände gab , genauer gesprochen , da man ihn aus Leißnig nach Dresden und zwar in die Königliche Erziehungsanstalt für Knaben in Friedrichstadt-Dresden gab , die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist . Zweites Kapitel Das Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt verfolgt nicht , wie man aus dem Namen schließen könnte , den Zweck , Freimaurer zu züchten , sondern es erblickt seine Bestimmung darin , aus jungen Knaben , die zu Hause schwer zu glätten sind , wohlpolierte Jünglinge zu machen . Es führt sie aber nicht bis zu jenen Höhen der Bildung , deren Erklimmung die Thore einer Universität öffnet , sondern es begnügt sich mit der bescheideneren , aber zuweilen doch recht mühereichen Aufgabe , seine Pflegebefohlenen nur bis zum Vorhofe des Tempels zu bringen . Dort giebt es ihnen einen leisen Schlag auf die Schulter ( so , wie es den jungen Fohlen geschieht , wenn man sie aus dem Stalle läßt ) und befiehlt sie der fördernden Gnade dessen , der aus Tertianern nach und nach Primaner und weiterhin im sanften Gleisgange Studenten , Doktoren , Pastoren , Professoren , geheime Räte , wirkliche geheime Räte , kurz allerlei Lichter oder auch wohl blos Leuchter macht . Mein Freund Stilpe , von dem ich hoffe , daß ich ihn einst unsern Freund werde nennen dürfen ( aber man hofft manchmal verwegen ) , wurde aus zweierlei Gründen in die Obhut dieser wissenschaftlichen und moralischen Brutanstalt gegeben . Einmal geschah es deshalb , weil der Vater notwendig nach Südamerika reisen mußte , um dort auf irgendwelchen besonders begnadeten Wiesen irgendwelche Schmetterlinge zu fangen , die sich darauf kaprizieren , just und nur dort ihr Dasein hinzubringen , und die deshalb noch immer nicht in die ihnen gebührende Klasse der wissenschaftlichen Schmetterlingsordnung eingetragen waren . Stilpe-Vater hätte aber nicht mit der Seelenruhe , die zu einem solchen Geschäfte nötig ist , in das ferne Land ziehen können , wenn er seinen Sohn nicht in männlicher striegelnden Händen gewußt hätte , als es die der guten Stilpe-Mama waren . Denn es muß gesagt werden , daß Mama Stilpe kein eigentliches Talent für Knabenerziehung besaß . Sie war , eine liebe , nette und hübsche Frau übrigens , zu sanftlebig dazu und hatte das , für andere Kinder vielleicht recht