Janitschek , Maria Ninive www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Maria Janitschek Ninive 1 Es war eine lange Gasse mit niedern Häuschen und Bäumen davor , in der Frau Lobreis wohnte . Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen Thurm und der grünlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach . Früher , vor Jahrhunderten , war das Kirchlein katholisch gewesen ; jetzt gehörte es den Evangelischen . Alle Sonntage war Gottesdienst . Dann erklang eine alte wundersame Orgel , und der Pfarrer , ein weißhaariger Greis , sprach von der Güte Gottes . Manchmal , wenn die Kirchthüre geöffnet blieb , schlüpfte wohl gar eine Schwalbe in den dämmerigen Gottesraum . Dann kicherten die Kinder und stießen sich verstohlen an . Es war ein stiller Winkel , dieses Sienenthal , und wie für müde Menschen zum Ausruhen geschaffen . Die aber noch nicht müde waren , fanden es unerträglich langweilig . Zu diesen gehörte auch Johanne Grün , die achtzehnjährige Enkelin der Frau Lobreis . Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben ; sie selbst war damals noch so jung gewesen , daß sie sich ihrer fast nicht mehr erinnerte . Sie lebte mit ihrer Großmutter zusammen . Seit die alte Frau das Gehör verloren hatte , sprachen sie wenig miteinander . Johanne besorgte die kleine Wirtschaft . Das Häuschen enthielt nur drei Stuben , die bald in Ordnung gebracht waren . Ebenso der kleine Garten , in dem sie ihr Gemüse pflanzten . Hie und da erschien ein oder das andere flachshaarige junge Mädchen bei Großmuttern , um Grüße von den Eltern zu bestellen , - die Alte ging nie aus - oder mit Johannen ein Viertelstündchen zu plaudern . Aber das geschah nicht zu häufig . Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus . Johanne blieb sehr viel sich selbst überlassen . Sie strickte Strümpfe in allen Farben und Längen und beschenkte alljährlich die Großmutter mit verschiedenen » Haussegen « , Nadelkissen und ähnlichen mühsam und zierlich hergestellten Arbeiten . Aber die Zeit wollte ihr trotz des Fleißes nicht schneller vergehen . Manchmal , wenn es ihr gar zu einsam wurde , verließ sie das Haus und besuchte einen der beiden Orte , die ihre einzige Freude bildeten . Da war die Kirche mit ihrer dämmerigen Halle , wo sichs so herrlich träumen ließ , oder der alte Kaffee- und Zuckerladen an der nächsten Ecke , wo man gegen geringes Entgelt auch Bücher zu leihen bekam . Die Bücher , die sie da holte , hatten ebenfalls einen leisen Modergeruch an sich . Es waren verschiedene alte Autoren , die mit fleckig gewordenen Kupfern geziert waren . Fräulein und Frauen im Keifrock mit hohen Frisuren und süßlichem Lächeln , oder Jünglinge mit stolzen Zügen , die irgend eine Heldenthat vollführten , sah man da . Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte - man hielt sie wenigstens dafür - das Geschäft übernommen hatte , gabs auch neue Bücher zu lesen . Johanne brauchte keine Leihgebühr zu bezahlen , da sie sämtlichen Hausbedarf in dem Laden kaufte . Die Ladeninhaberin , die aus einer großen Stadt gekommen war , schwärmte mit ihr um die Wette für » interessante Geschichten « . Sie war ein älteres Fräulein , das wenig Aussicht mehr im Leben hatte und deshalb sofort hierhereilte , das Erbe zu übernehmen . Sie lasen Erzählungen von Christoph Schmid und Clauren mit derselben Andacht , sie weinten über das Schicksal der Helden Bulvers , und regten sich über Eugen Sue auf . Am meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen Mühlbach , der » Berlin vor fünfzehn Jahren « hieß und sehr rührselig geschrieben war . Manchmal kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit , die im Auftrage des Fräuleins von den Verwandten in der Stadt für das Geschäft zu billigem Preise eingekauft wurden . Dann saß Johanne halbe Nächte über die Blätter geneigt , das heiße Gesicht in die Hände gestützt , und las . Und die Großmutter schüttelte mißbilligend den Kopf und schalt über den Lichtverbrauch , wenn sie am andern Tag den langen verkohlten Docht in der Oellampe sah . Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend : die Märchenprinzessin . Aeußerlich sah sie aber keiner Prinzessin ähnlich . Sie war mittelgroß , besaß ein etwas stumpfes Näschen , einen kindischen Mund , der fast immer ein wenig geöffnet stand , eine schmale , nicht besonders schön geformte Stirne , und reiches braungoldnes Haar , das sie aber recht ungeschickt aufsteckte . Nur eine Schönheit war ihr eigen . Ein Paar großer , lieber , blauer Augen , voll träumender Sehnsucht und Kindergüte . Ueber diesen Augen wölbten sich tiefschwarze Brauen , in schönen Bogen gezeichnet . Der alte Pfarrer pflegte , wenn er die Großmutter besuchte , mit den Fingern über diese Brauen zu fahren . » Wirklich nicht gefärbt ? « sagte er dann jedesmal , die Spitzen seiner Finger aufmerksam betrachtend . Johanne , wurde immer sehr rot und lachte . Einmal , als er kam fand er sie strickend und dabei lesend . » Was liest du denn da ? « fragte er . Sie reichte ihm das Buch hin . Es war ein Roman Walter Scotts . Der Pfarrer sah sie mißbilligend an . » Wie kannst du solches Zeug lesen ? Das verdreht dir den Kopf . Du müßtest weniger lesen und mehr im Haus arbeiten « . Solange die Großmutter lebte , ließ sich wenig thun . Abends ging Johanne zu Fräulein Wewerka und klagte ihr , daß der Pfarrer sie ausgescholten hätte . » Ach in einem so langweiligen