Fontane , Theodor Frau Jenny Treibel www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Frau Jenny Treibel oder » Wo sich Herz zum Herzen findt « Roman Erstes Kapitel An einem der letzten Maitage , das Wetter war schon sommerlich , bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem , trotz seiner Front von nur fünf Fenstern , ziemlich ansehnlichen , im übrigen aber altmodischen Hause , dem ein neuer , gelbbrauner Ölfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit , aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte , beinahe das Gegenteil . Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen , das sich der hell- und warmscheinenden Sonne zu freuen schien . Die links sitzende Dame von etwa dreißig , augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin , öffnete , von ihrem Platz aus , zunächst den Wagenschlag und war dann der anderen , mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behülflich . Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein , während die ältere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat . Von diesem aus stieg sie , so schnell ihre Korpulenz es zuließ , eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf , unten von sehr wenig Licht , weiter oben aber von einer schweren Luft umgeben , die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte . Gerade der Stelle gegenüber , wo die Treppe mündete , befand sich eine Entreetür mit Guckloch und neben diesem ein grünes , knittriges Blechschild , darauf » Professor Wilibald Schmidt « ziemlich undeutlich zu lesen war . Die ein wenig asthmatische Dame fühlte zunächst das Bedürfnis sich auszuruhen und musterte bei der Gelegenheit den ihr übrigens von langer Zeit her bekannten Vorflur , der vier gelbgestrichene Wände mit etlichen Haken und Riegeln und dazwischen einen hölzernen Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte . Dazu wehte , der ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend , von einem nach hinten zu führenden Korridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran , der , wenn nicht alles täuschte , nur auf Rührkartoffeln und Carbonade gedeutet werden konnte , beides mit Seifenwrasen untermischt . » Also kleine Wäsche « , sagte die von dem allen wieder ganz eigentümlich berührte stattliche Dame still vor sich hin , während sie zugleich weit zurückliegender Tage gedachte , wo sie selbst hier , in eben dieser Adlerstraße , gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem über zwei Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und große Düten geklebt hatte , was ihr jedesmal mit » zwei Pfennig fürs Hundert « gutgetan worden war . » Eigentlich viel zuviel , Jenny « , pflegte dann der Alte zu sagen , » aber du sollst mit Geld umgehen lernen . « Ach , waren das Zeiten gewesen ! Mittags , Schlag zwölf , wenn man zu Tisch ging , saß sie zwischen dem Commis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis , die beide , so verschieden sie sonst waren , dieselbe hochstehende Kammtolle und dieselben erfrorenen Hände hatten . Und Louis schielte bewundernd nach ihr hinüber , aber wurde jedesmal verlegen , wenn er sich auf seinen Blicken ertappt sah . Denn er war zu niedrigen Standes , aus einem Obstkeller in der Spreegasse . Ja , das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele , während sie sich auf dem Flur umsah und endlich die Klingel neben der Tür zog . Der überall verbogene Draht raschelte denn auch , aber kein Anschlag ließ sich hören , und so faßte sie schließlich den Klingelgriff noch einmal und zog stärker . Jetzt klang auch ein Bimmelton von der Küche her bis auf den Flur herüber , und ein paar Augenblicke später ließ sich erkennen , daß eine hinter dem Guckloch befindliche kleine Holzklappe beiseite geschoben wurde . Sehr wahrscheinlich war es des Professors Wirtschafterin , die jetzt , von ihrem Beobachtungsposten aus , nach Freund oder Feind aussah , und als diese Beobachtung ergeben hatte , daß es » gut Freund « sei , wurde der Türriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben , und eine ramassierte Frau von ausgangs Vierzig , mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom Herdfeuer geröteten Gesicht , stand vor ihr . » Ach , Frau Treibel ... Frau Kommerzienrätin ... Welche Ehre ... « » Guten Tag , liebe Frau Schmolke . Was macht der Professor ? Und was macht Fräulein Corinna ? Ist das Fräulein zu Hause ? « » Ja , Frau Kommerzienrätin . Eben wieder nach Hause gekommen aus der Philharmonie . Wie wird sie sich freuen . « Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite , um den Weg nach dem einfenstrigen , zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandläufer belegten Entree freizugeben . Aber ehe die Kommerzienrätin noch eintreten konnte , kam ihr Fräulein Corinna schon entgegen und führte die » mütterliche Freundin « , wie sich die Rätin gern selber nannte , nach rechts hin , in das eine Vorderzimmer . Dies war ein hübscher , hoher Raum , die Jalousien herabgelassen , die Fenster nach innen auf , vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyazinthen stand . Auf dem Sofatische präsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit Apfelsinen , und die Porträts der Eltern des Professors , des Rechnungsrats Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau , geb . Schwerin , sahen auf die Glasschale hernieder - der alte Rechnungsrat in Frack und Rotem Adlerorden , die geborne Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase , was , trotz einer