Christen , Ada Jungfer Mutter www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ada Christen Jungfer Mutter Die Geschichte , wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und warum sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde , ist nicht so leicht und schnell zu erzählen , als man meinen könnte , daß sich ein armes kleines Leben erzählen läßt . Sie wundert sich heute noch , wenn man ihr sagt , daß sie viel erlebte , denn so eigentlich weiß sie nur , daß sie immer fleißig gearbeitet hat . Sie ist vor der Zeit schneeweiß und alt geworden und hat nie eine andere Freude gehabt als ihr Kind . Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin , der Weis Leni , welche sich längst Madame Madeleine Weis nennt . Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde nach seinem Vater Leopold Weis getauft und wußte seit seinem zehnten Jahre , daß sein Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stieß und zu Füßen seines wunderschönen Weibes starb . Sooft der kleine Polderl seine » Frau Mutter « sah , ging ihm das , was er gehört , durch den Kopf , mehr als einmal wollte er sie fragen : Warum ? - aber er getraute sich nicht , sie war so schön und sah so vornehm aus und redete wenig mit ihm . Niemand konnte oder wollte ihm die ganze Geschichte von dem Tode seines Vaters erzählen . » Wenn du groß bist und alt genug dazu , wirst schon alles hören « , tröstete ihn seine Ziehmutter , die Hanni , wenn er ihr vorgreinte davon . Der kleine Weis Polderl wußte auch nicht , daß sein sterbender Vater ihn als heiliges Vermächtnis der Hanni hinterlassen hatte und daß die Leni , seine » Frau Mutter « , ihn der Hanni nur zugeschickt hatte , weil der sterbende Mann dem Weibe in der wilden , lustigen Art drohte , er werde aus seinem Grabe aufstehen und sie allnächtlich als kohlschwarzer Mann schütteln und beuteln , bis ihr die Seel halb aus ihrem wunderschönen heiligen Leib fliege , wenn sie den letzten Willen nicht erfüllen sollte . Die Leni war und ist immer eine ehrbare , tugendhafte , fromme Frau und so felsenfest überzeugt von der dies- und jenseitigen Nichtsnutzigkeit ihres Ehemannes , daß sie an seinen nächtlichen Ausflügen nach dem Tode niemals zweifelte . Sie ließ auch darum gleich am nächsten Morgen das Kind zu ihrer » falschen Freundin « tragen und dem Toten ein teures Begräbnis bereiten . Bald stand auch auf seinem wohlgepflegten Grabe ein Kreuz von Stein , und jedes Jahr ließ sie an seinem Todestage eine Seelenmesse lesen . Gewissenhaft kleidete sie sich ein Jahr in schwarze und ein zweites in graue Gewänder , und sie war in der schlichten Trauertracht mit ihrem goldroten Haar schöner als jemals . Der Sohn der Leni blieb also bei seiner Ziehmutter , die er , als er erst reden konnte , » Frau Mutter « nannte , wie die anderen Kinder es zu ihren Müttern sagten , obwohl es altmodisch war . Da gab es aber ein großes Entsetzen in der Blauen Gans , aus Respekt vor der Leni wurde es ihm gelinde verwiesen und ihm eindringlich erklärt , seine rechte Frau Mutter habe ihn nur » dem Mädel « - der Hanni - zum Aufheben gegeben ; denn die Hanni sei gar keine Frau und werde keinen Mann nicht kriegen und eine alte Jungfer werden ! Von der ganzen wohlmeinenden Auseinandersetzung behielt das Büblein das , was er oft gehört hatte : » alte Jungfer « , und Gott weiß , wie er sich das in seinem Köpfchen zurechtrückte , aber er nannte von da ab die Hanni » Jungfer Mutter « . Erst wurde der Titel von den Nachbarn spottend wiederholt , als jedoch die Kinder ihn stündlich lallten und schrien , bürgerte er sich ein , und das alte Mädchen heißt nun schon seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr anders unter den Leuten , die sie kennen . Gleich nach dem Tode ihres Mannes wollte die Leni den Unterhalt ihres Sohnes bestreiten , aber da erwies sich die falsche Freundin zum erstenmal im Leben ihr gegenüber widerspenstig . Sie nahm keinen Kreuzer und ließ die Frau Mutter des Polderl nur um zwei Dinge bitten : Zuerst , daß sie die alte Einrichtung der Wohnung behalten dürfe für ihren Ziehsohn , als Erbschaft von seinen Urgroßeltern , Großeltern und Vater , und dann , daß die Frau Mutter das Geld für den Polderl in die Sparkasse legen möchte bis zu der Zeit , in der er ein Handwerk lernen müßte . Dabei blieb es . Der Polderl wurde ein Poldl , ein Leopold endlich , als er die Kunstschlosserei erlernt hatte , aber seine » Jungfer Mutter « hatte von seiner » Frau Mutter « noch immer kein Geld genommen . » Ich laß mich derweil recht schön bedanken , ich kann derweil gar nichts brauchen für unsern Buben « , war immer die gleiche Antwort . Als der Poldl Soldat werden mußte , kam wieder eine sauber geschriebene Anfrage , ob denn der Sohn jetzt nichts brauche in dem neuen Stande . Da ging die Hanni in das Stübchen des Advokatenschreibers , der auch ein heimlicher Maler und Dichter war , Virgilius Stramirisko hieß , der Kürze wegen aber der » einsame Spatz « genannt wurde . Nur in besonders wichtigen Dingen ging die Hanni zu dem alten Herrn , dessen rosiges glattes Gesicht nicht zu seinen fünfundsechzig Jahren und seinen schneeweißen Locken passen wollte . » Ich bitt , Herr ei ... « , sie mußte schnell den