Fontane , Theodor Stine www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Stine Erstes Kapitel In der Invalidenstraße sah es aus wie gewöhnlich : die Pferdebahnwagen klingelten , und die Maschinenarbeiter gingen zu Mittag , und wer durchaus was Merkwürdiges hätte finden wollen , hätte nichts anderes auskundschaften können , als daß in Nummer 98e die Fenster der ersten Etage - trotzdem nicht Ostern und nicht Pfingsten und nicht einmal Sonnabend war - mit einer Art Bravour geputzt wurden . Und nicht zu glauben , diese Merkwürdigkeit ward auch wirklich bemerkt , und die schräg gegenüber an der Scharnhorststraßen-Ecke wohnende alte Lierschen brummelte vor sich hin : » Ich weiß nich , was der Pittelkown wieder einfällt . Aber sie kehrt sich an nichts . Un was ihre Schwester is , die Stine , mit ihrem Stübeken oben bei Polzins un ihren Sep ' ratschlüssel , daß keiner was merkt , na , die wird grad ebenso . Schlimm genug . Aber die Pittelkown is schuld dran . Wie sie man bloß wieder da steht und rackscht und rabatscht ! Und wenn es noch Abend wär , aber am hellen , lichten Mittag , wo Borsig und Schwarzkoppen seine grade die Straße runterkommen . Is doch wahrhaftig , als ob alles Mannsvolk nach ihr raufkucken soll ; ' ne Sünd und ' ne Schand . « So brummelte die Lierschen vor sich hin , und so wenig freundlich ihre Betrachtungen waren , so waren sie doch nicht ganz ohne Grund ; denn oben auf dem Fensterbrett und kniehoch aufgeschürzt stand eine schöne , schwarze Frauensperson mit einem koketten und wohlgepflegten Wellenscheitel und wusch und rieb , einen Lederlappen in der Hand , die Scheiben der einen Fensterseite , während sie den linken Arm , um sich besser zu stützen , über das andere Querholz gelegt hatte . Mitunter gönnte sie sich einen Stillstand in der Arbeit und sah dann auf die Straße hinunter , wo jenseits des Pferdebahngeleises ein dreirädriger , beinahe eleganter Kinderwagen in greller Mittagssonne hielt . Dem im Wagen sitzenden , allem Anscheine nach überaus ungebärdigen Kinde , das ganz aristokratisch in weiße Spitzen gekleidet war , war ein zehnjähriges Mädchen zur Aufsicht beigegeben , das , als alles Bitten und Zureden nichts helfen wollte , dem Schreihals einen tüchtigen Klaps gab . Im selben Augenblick aber schielte die Zehnjährige , die diesen Erziehungsakt gewagt hatte , scheu nach dem Fenster hinauf , und richtig , es war alles von drüben her gesehen worden , und die schöne , schwarze Person , die » klapsen und erziehn « durchaus als ihre Sache betrachtete , drohte sofort mit dem Lederlappen nach der auf ihrem Übergriff Ertappten hinüber . Auch schien ein Zornausbruch in Worten trotz der weiten Entfernung folgen zu sollen ; aber ein befreundeter Briefbote , der gerade die Straße heraufkam , hielt einen Brief in die Höh , zum Zeichen , daß er ihr etwas bringe . Sie verstand es auch so , stieg sofort vom Fensterbrett auf einen nebenstehenden Stuhl und verschwand im Hintergrunde des Zimmers , um den Brief draußen auf dem Korridor in Empfang zu nehmen . Eine Minute später kam sie zurück und setzte sich ins Licht , um bequemer lesen zu können . Aber was sie da las , schien ihr mehr Ärger als Freude zu machen , denn ihre Stirn legte sich sofort in ein paar Verdrießlichkeitsfalten , und den Mund aufwerfend , sagte sie spöttisch : » Alter Ekel . Immer verquer . « Aber sie war keine Person , sich irgendwas auf lange zu Herzen zu nehmen , und so lehnte sie sich , den Brief immer noch in der Hand haltend , weit über die Fensterbrüstung hinaus und rief mit jener enrhümierten Altstimme , wie sie den unteren Volksklassen unserer Hauptstadt nicht gerade zum Vorteil eigen ist , über die Straße hin : » Olga ! « » Was denn , Mutter ? « » Was denn , Mutter ! Dumme Jöre ! Wenn ich dir rufe , kommste . Verstehste ? « Ein mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen , der dröhnend und schütternd gerade des Weges kam , hinderte die unverzügliche Ausführung des Befehls ; kaum aber , daß der Rollwagen vorüber war , so nahm Olga den Stoßgriff des Kinderwagens in die Hand und fuhr , quer über den Damm hin , auf das Haus zu und mit einem Ruck in den Hausflur hinein . Hier nahm sie das Kind heraus und ging , während sie den Wagen zunächst unten stehenließ , treppauf in die Wohnung der Mutter . Diese hatte sich mittlerweile beruhigt , die Stirnfalte war fort , und Olga bei der Hand nehmend , sagte sie mit jenem Übermaß von Vertraulichkeit , das gewöhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen : » Olga , der Olle kommt heute wieder . Immer wenn ' s nich paßt , is er da . Grad als wollt er mir ein ' n Tort antun . Ja , so is er . Na , es hilft nu nich und , Gott sei Dank , vor achten kommt er nich . Und nun gehst du zu Wanda und sagst ihr ... Ne , laß man ... Bestellen kannst du ' s doch nich , es is zu lang zum Bestellen ... Ich werd dir lieber einen Zettel schreiben . « Und mit diesen Worten trat sie , von der Tür her , wo dies Gespräch stattgefunden , an einen überaus eleganten und um eben deshalb zu Haus und Wohnung wenig passenden Rokokoschreibtisch heran , auf dem eine fast noch mehr überraschende ledergepreßte Schreibmappe lag . In dieser Mappe begann jetzt die