Ebner-Eschenbach , Marie von Unsühnbar www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Unsühnbar 1 Die Vorstellung des » Fidelio « war zu Ende ; das Publikum strömte aus dem Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen . Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee , emsig , unablässig , in großen Flocken ; er lag schwer auf den Dächern , verschleierte die Lichter in den Lampen , machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich . Geräuschlos rollten die Equipagen vor ; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen . Ein paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Komfortable mit zerbrochenen Fenstern . Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon . Den Hut auf dem Ohr , den Schnurrbart gewichst , saßen die Eigentümer des » feschen Zeugels « etwas vorgebeugt auf ihrem Bock , in jeder Hand einen Zügel ; und die Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft , was sie geben konnten , um grüne Majoratsherrchen , hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen . An den Rand der Straße gedrängt , rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen , von abgejagten Mähren geschleppt , von schlaftrunkenen Kutschern regiert , den Vororten zu . Solide Bürgersfamilien gingen wohlverwahrt , mit geschärftem Appetit - man wird so hungrig im Theater - nach Hause , wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete , oder begaben sich in eine Restauration . Gemächlich , trotz des bösen Wetters , schlenderten einige Infanterieoffiziere dem nächsten Kaffeehause zu . Ein kleines Fähnlein , aber tatendurstig und eroberungssicher . Sie sprachen von den eleganten Damen in den Logen und von den Tänzerinnen und den Pferden anderer . Ein » Einjahrig-Freiwilliger « , der Sohn eines geadelten Bankiers , der sich ihnen angeschlossen hatte , sagte mit Vorliebe : » Wir Kavaliere « und » wir vom Turf « . Daß sein Sessel im väterlichen Kontor das einzige Rößlein war , auf dessen Rücken er es je zu einem Gefühl der Sicherheit gebracht , verschwieg er . Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin überholt , die eiligen Schrittes die Wanderung nach ihrer Wohnung angetreten hatte . Ihr Mantel war fadenscheinig , aber sie fror nicht ; ihr Weg war weit und einsam , doch ihr bangte nicht . Sie schwelgte im Nachgenuß der Wonne , die ihrem kunstverständigen Sinn eben geboten worden . Es gab doch auch in ihrem schweren , harten Dasein Stunden der herrlichsten Erhebung . Die Kraft , die sie aus ihnen geschöpft , sollte lange vorhalten . Wer das Manna für die Seele auf Kosten des täglichen Brotes erwerben muß , kann sich dieser holden Labung nicht oft erfreuen . In der Opernstraße war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer Schneepyramide beschäftigt , als ein Brougham , mit Rassepferden bespannt , im feierlichen Trabe vorbeikam . Die Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen Augenblick das Innere des Wagens . Zwei Damen saßen darin , die eine alt und von kränklichem Aussehen , in dunklem Capuchon und Überwurfe , die andere sehr jung , sehr schön , barhäuptig , mit klassischem Profil , ihre Gefährtin um Kopfeshöhe überragend . » Ho ! « rief der dicke Pferdelenker in lässig warnendem Tone den Straßenkehrern zu , und alle zogen sich zurück - nur einer nicht . Der sprang vor , sah mit spöttischer Vertraulichkeit zu dem Kutscher hinauf und zwang ihn auszuweichen , was dieser tat , ohne den Kopf zu wenden , während der Diener neben ihm murmelte : » Wieder zurück aus Amerika und - Gassenkehrer ? Gibt ' s denn dort keine solche Anstellung ? « » Gibt ' s gewiß « , lautete die Antwort , » damit is ihm aber nit gedient . Will uns hier aufpassen und Skandal machen , der Lump . « - Diese Bezeichnung galt einem schlank- und hochgewachsenen Burschen mit blassem Gesicht , eingefallenen Wangen und großen dunkelbraunen Augen . Er trug zerlumpte Kleider ; ein kleiner , durchlöcherter Hut , den er ins Genick zurückgeschoben hatte , ließ die Stirn und die trotz der Verkommenheit , die sie ausdrückten , noch hübschen Züge frei . Mit frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf , und die junge Dame , die den Kopf ans Wagenfenster neigte , unverschämt anstarrend , präsentierte er vor ihr den Besen wie ein Gewehr . Die Equipage fuhr davon , die Arbeiter lachten : » Schaut ' s den Wolfi an ! « und Wolfi , den Zornigen spielend , rief : » Dumme Bagage , was lacht ' s ? - Was hab ich getan ? ... Militärische Ehren erwiesen . Wem ? - der Gräfin Maria Wolfsberg , meiner - meiner lieben Verwandten . « Die so Bezeichnete hatte bei der Gebärde des Taglöhners keine Miene verzogen , doch verfärbte sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu ihrer Begleiterin : » Tante Dolph , hast du den Menschen gesehen ? Im zerrissenen Sommerrock , mit geplatzten Schuhen bei dieser Kälte ... « » Oh , meine Liebe , der hat seinen Schnaps im Leibe , dem ist wärmer als mir « , erwiderte die Tante fröstelnd . » Hast du auch gesehen , was er getan hat ? « » Ja , ja - ein Spaßvogel . « » Das ist kein Spaßvogel - das ist ein Feind , der uns haßt . « Der Gräfin unterbrach sie : » Hör auf . Du bist nervös . Dazu hat man in deinem Alter noch kein Recht . Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz - was weiter ? Man sieht es , wenn es einen unterhält