Sudermann , Hermann Frau Sorge www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Hermann Sudermann Frau Sorge Roman Meinen Eltern zum 16. November 1886 Frau Sorge , die graue , verschleierte Frau , Herzliebe Eltern , Ihr kennt sie genau ; Sie ist ja heute vor dreißig Jahren Mit Euch in die Fremde hinausgefahren , Da der triefende Novembertag Schweratmend auf nebliger Heide lag Und der Wind in den Weidenzweigen Euch pfiff den Hochzeitsreigen . Als Ihr nach langen , bangen Stunden Im Litauerwalde ein Nest gefunden Und zagend standet an öder Schwelle , Da war auch Frau Sorge schon wieder zur Stelle Und breitete segnend die Arme aus Und segnete Euch und Euer Haus Und segnete die , so in den Tiefen Annoch den Schlaf des Nichtseins schliefen . Es rann die Zeit . - Die morsche Wiege , Die jetzt im Dunkel unter der Stiege Sich freut der langverdienten Rast , Sah viermal einen neuen Gast . Dann , wenn die Abendglut verblichen , Kam aus dem Winkel ein Schatten geschlichen Und wuchs empor und wankte stumm Erhobenen Arms um die Wiege herum . Was Euch Frau Sorge da versprach , Das Leben hat es allgemach In Seufzen und Weinen , in Not und Plage , Im Mühsal trüber Werkeltage , Im Jammer manch durchwachter Nacht Ach ! so getreulich wahr gemacht . Ihr wurdet derweilen alt und grau , Und immer noch schleicht die verschleierte Frau Mit starrem Aug ' und segnenden Händen Zwischen des Hauses armen vier Wänden , Vom dürftigen Tisch zum leeren Schrein , Von Schwelle zu Schwelle aus und ein , Und kauert am Herde und bläst in die Flammen Und schmiedet den Tag mit dem Tage zusammen . Herzliebe Eltern , drum nicht verzagt ! Und habt Ihr Euch redlich gemüht und geplagt Ein langes , schweres Leben lang , So wird auch Euch bei der Tage Neigen Ein Feierabend vom Himmel steigen . Wir Jungens sind jung - wir haben Kraft , Uns ist der Mut noch nicht erschlafft , Wir wissen zu ringen mit Not und Mühn , Wir wissen , wo blaue Glücksblumen blühn ; Bald kehren wir lachend heim nach Haus Und jagen Frau Sorge zur Tür hinaus . 1 Gerade als das Gut Meyhöfers sich unter dem Hammer befand , wurde Paul , sein dritter Sohn , geboren . Das war freilich eine schwere Zeit ! Frau Elsbeth mit ihrem vergrämten Gesicht und ihrem wehmütigen Lächeln lag in dem großen Himmelbette , neben sich die Wiege des Neugeborenen , ließ die Augen unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Geräusch , das vom Hofe und aus den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang . - Bei jedem verdächtigen Laut fuhr sie empor , und jedesmal , wenn eine fremde Männerstimme sich hören ließ oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam , fragte sie , in heller Angst die Pfosten des Bettes umklammernd : » Ist ' s so weit ? Ist ' s so weit ? « Niemand gab ihr Antwort . Der Arzt hatte streng befohlen , jede Aufregung von ihr fern zu halten , aber er hatte nicht bedacht , der gute Mann , daß dieses ewige Hangen und Bangen sie tausendmal härter quälen mußte als die schrecklichste Gewißheit . Eines Vormittags - am fünften Tage nach der Geburt - hörte sie ihren Mann , den sie in dieser bösen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen , mit schwerem Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen . - Auch ein Wort konnte sie verstehen , ein einziges Wort , das er immer aufs neue wiederholte , das Wort : » Heimatlos ! « Da wußte sie : Es war so weit . Sie legte die matte Hand auf das Köpfchen des Neugeborenen , der mit einem ernsthaften Gesicht still vor sich hindröselte , und weinte in die Kissen hinein . Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd , die den Kleinen wartete : » Bestell dem Herrn , ich möchte ihn sprechen . « Und er kam . - Mit seinen dröhnenden Schritten trat er vor das Bett der Wöchnerin und sah sie an mit einem Gesicht , das in seiner erzwungenen Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute . » Max , « sagte sie schüchtern , denn sie hatte immer Angst vor ihm , » Max , verheimliche mir nichts - ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefaßt . « » Bist du ? « fragte er mißtrauisch , denn er erinnerte sich an die Warnung des Arztes . » Wann müssen wir hinaus ? « Als er sah , daß sie so ruhig dem Unglück ins Auge schaute , glaubte er fürder nicht nötig zu haben , ein Blatt vor den Mund zu nehmen , und wetternd brach er los : » Heute - morgen - ganz wie es dem neuen Herrn gefällt ! - Nur durch seine Barmherzigkeit sind wir noch hier , - und wenn es ihm so paßt , können wir diese Nacht auf der Straße logieren . « » So schlimm wird es nicht sein , Max , « sagte sie , mühsam ihre Fassung bewahrend , » wenn er erfährt , daß erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt ist - - « » So - ich soll wohl betteln gehen bei ihm - was ? « » Oh , nicht doch . Er tut ' s von selbst . Wer ist es denn ? « » Douglas heißt er - stammt aus dem Insterburgischen - trat sehr breitspurig auf , der Herr , sehr breitspurig - hätt ' ihn am liebsten vom Hofe gejagt . « » Ist uns was übrig geblieben