Raabe , Wilhelm Im alten Eisen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Im alten Eisen Eine Erzählung Similia similibus Erstes Kapitel Solange der Mensch auf seiner Erde Geschichten hört oder dergleichen selber erzählt , teilt er sie gewöhnlich ein in solche , die gut anfangen und böse endigen , und solche , die schlimm beginnen , aber zu einem wünschenswerten Ende kommen . Darüber wäre nun manches zu sagen ; denn so recht begriffen und ausgerechnet hat eigentlich noch keiner , wo bei den Geschichten dieser Erde der Anfang und wo das Ende ist , wo das Wünschenswerte beginnt und das Gegenteil davon endet , oder umgekehrt . Ich für mein Teil hüte mich wohl , mich hierüber des weitern auszulassen , ich halte mich einfach an des Menschen uralt hergebrachte Anordnung und Abfachung seiner Erlebnisse und seiner Schicksale und verkünde nur , zu eigener Erleichterung tief aufatmend , daß vorliegende Geschichte nach menschlichem Ermessen ziemlich gut ausgeht . In eigener Sache frei aufatmen oder in der anderer Leute : für den rechten Erzähler läuft das auf ein und dasselbe hinaus , geradeso wie für den rechten Zuhörer . - Es war , um mitten in der unruhvollen Wirklichkeit im altgewohnten Märchenton zu beginnen , an einem trüben Sonntagmorgen im Spätherbst noch vor dem Kirchenglockengeläut . Ach , es rüsteten sich eben nur zu viel mitleidige Seelen , gute Leute , die man für diesmal gern an anderer Stelle lieber gesehen hätte , zum Kirchgange . In der ganzen , großen Stadt Berlin hatte niemand von denen , die helfen konnten - auch keine Frau - , eine Ahnung davon , was sich nebenan ereignen sollte , der Zeit nach gerechnet von diesem Sonntagmorgen bis zum Morgen des nächsten Mittwochs . Nebenan , das ist wohl ein etwas enger Begriff für eine so weitläufige Stadt wie die Stadt Berlin ; aber alle diejenigen , die nachher zuerst in den Zeitungen durch den Doktor Berg von dem Vorgefallenen zu lesen bekamen , hatten doch sämtlich das Gefühl , daß die Geschichte dicht neben ihnen selber an passiert sei . So sagten sie auch alle , indem sie sich des gewohnten fremdländischen Wortes für ihren innerlichsten Schauder ob des unbemerkten Vorbeigleitens des Trauerspiels ruhig bedienten . Was war denn nun aber eigentlich so besonders Außergewöhnliches vorgefallen neben uns an in der mächtigen Stadt ? Was war es , das nachher , als es laut wurde , alles Glockengeläut und jede Predigt überschrie ? Nur zwei Kinder hatte man während der Zeit vom Sonntagmorgen bis zum Dienstagabend neben ihrer Mutter allein gelassen - einen Jungen von dreizehn und ein Mädchen von acht Jahren . Die Mutter war am Sonntag bald nach Tagesanbruch gestorben - ein Fall , der so häufig eintritt , daß es nur die ihm anhaftenden Umstände sein konnten , welche später alle Leute so sehr erschreckten . Wir aber können heute auch nichts Besseres tun , als so genau als möglich wie Doktor Berg niederzuschreiben , was auch wir nachher in Erfahrung brachten . Bei Bewußtsein war die Frau nicht mehr gewesen , als die Kinder durch ihr letztes schweres Atmen erweckt wurden . Sie hatte nicht mehr ihre letzten Verfügungen treffen , auch nicht mehr ihren Sohn zum letztenmal nach dem Arzt schicken können . » Bleib liegen , bleib still liegen ; ich bin gleich wieder da « , hatte der Junge zu dem Schwesterchen gesagt . » Bleib untergekrochen , Paulchen , und rufe nicht nach Mama , bis ich wieder hier bin . Der Herr Doktor kommt wohl noch einmal zu uns , wenn er heute morgen in unsere Gegend kommt . « Der junge Bezirksarmenarzt hätte , auch wenn er sofort vorgefahren wäre , die Kranke nicht auf ihrem Wege aufgehalten . Als er kurz vor dem Kirchengeläut eintraf , fand er sie nicht mehr gegenwärtig , nicht mehr zu Hause , und konnte ihre Abreise ihren Kindern und dem Armenvorsteher des Bezirks nur durch Ausfüllung des vom Staat und dessen Sterblichkeitslisten vorgeschriebenen Frage- und Antwortbogens bescheinigen . Er hatte nachher den Knaben unterm Kinn genommen und gesagt : » Tapfer , mein Junge ! Mußt ein guter Junge sein . Verwandte habt ihr nicht ? Keine alte Tante , die so ein bißchen nach dem Rechten sehen könnte ? « » Nein , Herr Doktor . « » Hm ... Nun , man wird euch schon beispringen , den Zettel gib aber so bald als möglich heute morgen an Ort und Stelle ab . Man wird schon nach euch sehen , und auch ich werde euch im Auge behalten . Daß du mir auf die Kleine da achtgibst , armer Tropf , und mir keinen Unsinn machst , bis - eure Angelegenheiten geordnet sind ! Ich selber kann mich nun nicht länger bei euch aufhalten ; also noch einmal , sei ein verständiger Junge , bis man dir zu Hülfe kommt ; und was deine Mutter betrifft - « Er vollendete den Satz nicht , die gewohnten beruhigenden Wortverbindungen erschienen ihm gänzlich überflüssig im gegebenen Fall , den diesmaligen Hinterlassenen gegenüber . Und er hatte recht , und es zeugte mehr von seinem braven Herzen , daß er , statt zu reden , sich noch einmal in dem leeren oder vielmehr ausgeleerten Raum umsah und bei sich dachte : Die Sache müßte einem wieder einmal von Rechts wegen den ganzen Tag verderben ! - Wir können nicht sagen , auf was für ein besonderes Behagen er für diesen Tag rechnete . - Es war an einem Sonntagmorgen noch vor dem Kirchengeläut , und die beiden Kinder waren neben der Leiche allein mit dem Blatt Papier , welches der Doktor zurückgelassen