Fontane , Theodor Irrungen , Wirrungen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Fontane Irrungen , Wirrungen Roman Erstes Kapitel An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße , schräg gegenüber dem » Zoologischen « , befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große , feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei , deren kleines , dreifenstriges , in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurück gelegenes Wohnhaus , trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit , von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte . Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte , ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte , war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt , und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze ( von Uhr selbst keine Rede ) ließ vermuten , daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse , welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden , das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand . Wo dieser Hund eigentlich steckte , das entzog sich freilich der Wahrnehmung , trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene , von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete . Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen , und doch mußte jeder , der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam , sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen . Es war die Woche nach Pfingsten , die Zeit der langen Tage , deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte . Heut aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm , und statt der Strahlen , die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte , lagen bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten , dessen halb märchenhafte Stille nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene mietweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde . Frau Nimptsch selbst aber saß wie gewöhnlich an dem großen , kaum fußhohen Herd ihres die ganze Hausfront einnehmenden Vorderzimmers und sah , hockend und vorgebeugt , auf einen rußigen alten Teekessel , dessen Deckel , trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tülle quoll , beständig hin und her klapperte . Dabei hielt die Alte beide Hände gegen die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Träumereien , daß sie nicht hörte , wie die nach dem Flur hinausführende Tür aufging und eine robuste Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat . Erst als diese letztre sich geräuspert und ihre Freundin und Nachbarin , eben unsre Frau Nimptsch , mit einer gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte , wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei : » Na , das is recht , liebe Frau Dörr , daß Sie mal wieder rüberkommen . Und noch dazu von ' s Schloß . Denn ein Schloß is es und bleibt es . Hat ja ' nen Turm . Un nu setzen Sie sich ... Ihren lieben Mann hab ich eben weggehen sehen . Und muß auch . Is ja heute sein Kegelabend . « Die so freundlich als Frau Dörr Begrüßte war nicht bloß eine robuste , sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau , die , neben dem Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen , zugleich den einer besonderen Beschränktheit machte . Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoß daran und wiederholte nur : » Ja , sein Kegelabend . Aber , was ich sagen wollte , liebe Frau Dörr , mit Dörren seinen Hut , das geht nicht mehr . Der is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpfierlich . Sie müssen ihn ihm wegnehmen und einen andern hinstellen . Vielleicht merkt er es nich ... Und nu rücken Sie ran hier , liebe Frau Dörr , oder lieber da drüben auf die Hutsche ... Lene , na Sie wissen ja , is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen . « » Er war woll hier ? « » Freilich war er . Und beide sind nu ein bißchen auf Wilmersdorf zu ; den Fußweg lang , da kommt keiner . Aber jeden Augenblick können sie wieder hier sein . « » Na , da will ich doch lieber gehn . « » O nich doch , liebe Frau Dörr . Er bleibt ja nich . Und wenn er auch bliebe , Sie wissen ja , der is nicht so . « » Weiß , weiß . Und wie steht es denn ? « » Ja , wie soll es stehn ? Ich glaube , sie denkt so was , wenn sie ' s auch nich wahrhaben will , und bildet sich was ein . « » O du meine Güte « , sagte Frau Dörr , während sie , statt der ihr angebotenen Fußbank , einen etwas höheren Schemel heranschob : » O du meine Güte , denn is es schlimm . Immer wenn das Einbilden anfängt , fängt auch das Schlimme an . Das is wie Amen in der Kirche . Sehen Sie , liebe Frau Nimptsch , mit mir war es ja eigentlich ebenso , man bloß nichts von Einbildung . Und bloß darum war es auch wieder ganz anders . « Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht , was die Dörr meinte , weshalb diese fortfuhr : » Und weil ich mir nie was in ' n Kopp setzte , darum ging es immer ganz glatt und gut und ich habe nu Dörren . Na , viel is es nich , aber es is doch