Conrad , Michael Georg Was die Isar rauscht www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Michael Georg Conrad Was die Isar rauscht Erster Band . 1. Neapel , Vicoletto del Petrajo , 25. Am Tage des lieben , guten , heiligen Josephus - oder : Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht . Mein lieber Max v. Drillinger ! Seit Neujahr , also seit beinahe drei Monaten , habe ich nichts von mir hören , lassen . Während ich die Feder ansetze und mich nach so langer Unterbrechung zu brieflicher Plauderei mit Dir rüste , kracht auf dem Scheitel des ehrwürdigen Vesuvius ein prachtvolles Gewitter los , das erste Frühlingsgewitter , das ich in Italien erlebe . Wenn ich vom Blatt aufsehe , fällt mein Blick durchs offene Balkonfenster auf den Berg . In ganzer Lebensgröße steht er vor mir , die bezauberndste Vedute im Fensterrahmen , die sich denken läßt , und gerade in der richtigen Entfernung zur Erzielung einer vollkommenen künstlerischen Wirkung : im Vordergrund kräftig braune Konturen neapolitanischer Kuppeltürme und leicht gewölbter Hausdächer , links eine wunderschöne Gruppe von dunkelgrünen Palmenkronen und fast schwarzblau aufstrebenden , sanft verlaufenden Zypressenwipfeln , im Mittelgrund in geschwungener Linienbegrenzung ein Streifen Meer in den silbergrau wogenden Wollustschauern des heiß und flach darüber streichenden Scirokko-Windes , dann üppig aufrollend die alten Herkulaner Ufer mit den dunklen , schattenschweren Gärten , Hainen , Weinbergen , daraus wie lichte Punkte in langer gebrochener Reihe die roten und gelben Villen und die Häuser und Kirchen von Portici und Resina glänzen , darüber hinauf die schwarzen Lavageröll-Gürtel mit dem phantastischen Auf und Nieder der verschiedenen Eruptions-Höhen , wunderbar schattiert nach der Zeit der Verwitterung , so daß sich die Ausbruchs-Epochen genau abstufen , endlich das Prachtstück der kühn und anmutig zugleich formenden Südlands-Natur : der Berg in seiner unbeschreiblichen Herrlichkeit , in leichter , eleganter Plastik schwimmend im himmlischen Aether . Die schwarze Gewitterwolke sitzt ihm buchstäblich auf dem Scheitel , ringsum scharf begrenzt von der blaugelb überhauchten , mit dem grauen Scirokko-Schleier leicht verhängten Luft . Wie irrsinnige Glutgedanken umzucken die Blitzschlangen das tiefer und tiefer sich verhüllende Haupt des Berges und werfen einen fahlen Widerschein über die träumende Landschaft zu seinen Füßen . Erst leise , dann mächtig anschwellend in stolzen Rhythmen , dann abnehmend und verhallend , wie in ersterbendem Grollen , wieder übertönt von dem Rauschen der Strandwellen , klingt die Donnermusik zu mir herüber . Bald scheint es mehr nur ein heiteres akustisches Spiel - bald kracht es plötzlich los , Schlag auf Schlag , wie mit der tragischen Wucht des Schicksals . Ich lege die Feder einen Augenblick weg und lausche - - Es ist zu schön . Es ist ein ganzes Musikdrama , eine Symphonie mit elektrischen Beleuchtungs-Arabesken , was weiß ich . Die urewige Künstlerin Natur spottet in ihren grandiosen Launen jedes Regelzwangs . Sie mag mit nichts beginnen und in nichts enden , aber was dazwischen liegt , ist Unerhörtes , Unerschautes , nie Auszuhörendes , Auszuschauendes - kurz Etwas , und wäre es tausendmal eine Apotheose der Sinnlosigkeit . Etwas ! Und man bekommt ' s nie satt . Während man den menschlichen Erfindungs-Krempel so leicht satt bekommt , übersatt . Ich lege die Feder nochmal weg . Es ist wirklich zu schön . Und nun dringt ein Duft herein - ein unbeschreiblich süßer , berauschender und zugleich erfrischender Duft ! Wie aus dem Paradiese . - - Man möchte ganz Nase sein ! Ich schnuppere und blase die Nasenflügel auf . - - O Gottesluft , erfüll ' mich ganz ! Oder in der Sprache Dante ' s : Aria di Dio , entrami in corpo ! Ausruf meiner Hauswirtin Donna Rosalia . Zwar ein Phänomen an Häßlichkeit : rothaarig - soweit ihre Glatze noch Haare erkennen und nach der Farbe bestimmen läßt - blatternarbig , schiefmaulig , kropfig , aber eine enthusiastische Seele , die sich täglich mit den Schönheiten der Natur vermählt . Bei diesem mystischen Akt streckt sie ihre nackten magern Arme gen Himmel , schlägt sie dann kreuzweis über zwei längliche , sogar sehr längliche , leere Hautbeutel , welche die Stelle der abwesenden Brüste vertreten , sogar sehr täuschend vertreten , schiebt den Unterleib vor mit der entsetzlichen Grazie eines Schlangenmenschen , wirft den Kopf mit dem kropfigen Schwanenhals zurück , bebt mit den Hüften und den Schenkeln wie eine ekstatische andalusische Tänzerin , schlägt mit den Augenlidern auf die rollenden Augenkugeln und kreischt mit einer Stimme , deren Timbre an die Klangfarbe eines alten blechernen Topfes ohne Boden erinnert : Aria di Dio , entrami in corpo . Daraus kannst Du ersehen , wie überwältigend die Schönheit der südlichen Natur sein muß , wenn sie auf eine von ihr doch einigermaßen stiefmütterlich behandelte schlichte Frau aus dem Volke , Zimmervermieterin und Wittib - ihr Seliger war Schlotfeger-Meister - eine solche orgiastische Wirkung ausübt . Ich überlese das Geschriebene , wenn Du erlaubst , mit Deinen Augen und mit Deiner Nase . Du schwelgst doch in Gedanken , nichtwahr , so stümperhaft auch meine Schilderung ist ? Du siehst , Du hörst , Du riechst ? Und Deine Brigitta nickt mit dem Kopf dazu und lächelt so nachdenklich , als ob sie etwas vermisse . Richtig ! Die Sonne fehlt in meiner Beschreibung ? Eine süditalienische Landschaft , dazu am Josephi-Tag , feierlichste Natur-Parade in Vorfrühlings-Ausrüstung - und keine Sonne am Himmel ? Sehr gut bemerkt , lieber Leser und Kritiker Max von Drillinger , Hauptmann a.D. , fein herausgefunden , aufmerksame Hörerin Brigitta ! Keine Sonne ! Das ist freilich gegen das Exerzier-Reglement . Aber es ist so . Das ist eben der Effekt wunderbarster Beleuchtungszauberei bei Scirokko-Stimmung mit