Keller , Gottfried Martin Salander www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Gottfried Keller Martin Salander I Ein noch nicht bejahrter Mann , wohlgekleidet und eine Reisetasche von englischer Lederarbeit umgehängt , ging von einem Bahnhofe der helvetischen Stadt Münsterburg weg , auf neuen Straßen , nicht in die Stadt hinein , sondern sofort in einer bestimmten Richtung nach einem Punkte der Umgegend , gleich einem , der am Orte bekannt und seiner Sache sicher ist . Dennoch mußte er bald anhalten , sich besser umzusehen , da diese Straßenanlagen schon nicht mehr die früheren neuen Straßen waren , die er einst gegangen ; und als er jetzt rückwärts schaute , bemerkte er , daß er auch nicht aus dem Bahnhofe herausgekommen , von welchem er vor Jahren abgefahren , vielmehr am alten Ort ein weit größeres Gebäude stand . Die reichgegliederte , kaum zu übersehende Steinmasse leuchtete auch so still prächtig in der Nachmittagssonne , daß der Mann wie verzückt hinsah , bis er von dem Verkehrstrubel unsanft gestört wurde und das Feld räumte . Aber der erhobene Kopf , die an der Hüfte gelind sich hin und her wiegende Reisetasche ließen erkennen , wie er vom Schwunge der Gedanken bewegt , von Genugtuung erfüllt dahinschritt , um Weib und Kinder aufzusuchen , wo er sie vor Jahren gelassen . Jedoch vergeblich forschte er zwischen der rastlosen Überbauung des Bodens nach Spuren früherer Pfade , die sonst zwischen Wiesen und Gärten schattig und freundlich hügelan geleitet hatten . Denn diese Pfade lagen auch weiterhin unter staubigen oder mit hartem Kies beschotterten Fahrstraßen begraben . Obgleich das alles seine Bewunderung stetig erhöhte , war er endlich doch angenehm überrascht , als er unvermerkt , um eine Ecke biegend , sich in einen Häuserwinkel versetzt fand , den er augenblicklich an seiner verjährten ländlichen Bauart wiedererkannte . Die vorspringenden Dächer , das rote Balkenwerk , die kleinen Vorgärtchen waren die nämlichen wie seit Menschengedenken . » Da ist ja der Zeisig ! « rief der Wandersmann , indem er stillstand und mit warmem Heimatgefühl die alte Lokalität betrachtete , » wahrhaftig der Zeisig ! Im Zeisig heißt es hier ! Wer kann sagen , warum einem eine solche Sache und ein solches Wort während sieben Jahren nicht ein einziges Mal eingefallen ist , und haben wir doch als Schüler hier so schönen Apfelmost getrunken , wenn wir einen Batzen besaßen ! Und der alte Brunnen steht auch noch , mit welchem man den Zeisigbauer aufzog , daß er Most und Milch daraus speise ! « In der Tat sprudelte aus der uralten Holzsäule das klare Bergwasser in denselben Trog , wie ehemals , und zwar durch den gleichen abgesägten Flintenlauf , der statt einer eisernen Brunnenröhre darin steckte . Diese Entdeckung erregte dem Mann eine neue Begeisterung . » Sei mir gegrüßt , ehrwürdiges Zeichen friedlicher Wehrkraft ! « dachte er halblaut ; » dies Rohr , das einst Feuer gesprüht , spendet das lautere Quellwasser für Mensch und Tier ! Aber schon hängt in jedem Hause , wie ich vernehme , das gezogene Gewehr und harrt der ernsten Prüfung ; möge sie der Heimat lange erspart bleiben ! « In diesem Augenblicke näherte sich ein Trupp spielender Kinder dem Brunnen , kleines Volk von zwei bis sechs Jahren . Letzteren Alters konnten zwei Knaben und überdies Zwillinge sein , weil sie genau dieselbe Größe , ganz ähnlich runde Köpfe mit dicken Backen und vor den Bäuchen aus gleichem Wachstuch geschnittene , mit Blümchen bedruckte Schürzen aufwiesen , offenbar ebensowohl als Auszeichnung wie zum Schutze der Kleider . Etwas seitwärts stand einsam ein bleicher Junge , der seinen achten Sommer zählen mochte und Anlaß zu einer kleinen Begebenheit bot , welche die Aufmerksamkeit des heimkehrenden Mannes von dem alten Flintenlauf ablenkte . Einer der beiden Schurzträger rief nämlich den einsamen Jungen hochmütig an : » Was tust du denn hier ? Was willst du ? « Als der Angerufene nicht antwortete und nur melancholisch herüberblickte , trat der andere Zwilling , die Hände auf dem Rücken , den beschürzten Bauch vorstreckend , näher hin und sagte patzig : » Ja , auf was wartest du hier ? « » Ich warte auf meine Mutter ! « erwiderte nun der Junge , unsicher werdend , ob er das Recht habe , dortzustehen . Der andere aber versetzte trocken und verächtlich wie ein Alter : » So , du hast eine Mutter ? « während sein Bruder laut auflachte und schrie : » Haha ! Der hat eine Mutter ! « Sogleich sang der ganze Kinderchor mit drollig nachgeahmtem Gelächter : » Der hat eine Mutter ! « Und nie hörte man ein fröhlicheres Lachen so kleiner Leute . Als ob das lustigste Ereignis sie königlich erheitere , holten sie immer ein neues » Hahaha « aus der Tiefe ihrer arglosen Kinderherzchen herauf und standen dabei im Kreise beisammen , innerhalb dessen ein zweijähriges Watschelbübchen , indem es sich mit den fetten Händchen die Seiten hielt , wiederholte : » Oh ! eine Moder hat der ! « Als dies Vergnügen , wie alles hienieden , allmählich sein Ende erreicht , fragte der mit der Reisetasche , der es wohl beobachtet hatte und nichts davon verstand , mit freundlichen Worten : » Warum lacht ihr Kinder so darüber , daß der Knabe eine Mutter hat ? Habt ihr denn keine Mutter ? « » Nein ! Wir sagen Mama ! « erklärte der eine Rädelsführer der Kleinen , und gleichzeitig nahm er einen Tonscherben von dem Boden , schöpfte Wasser aus dem Brunnenbecken und schleuderte es auf den Inhaber einer Mutter . Der verlor aber die Geduld . Er sprang herbei ,