Marlitt , Eugenie Die Frau mit den Karfunkelsteinen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eugenie Marlitt Die Frau mit den Karfunkelsteinen 1 Tante Sophie hatte die Klammerschürze vorgebunden und nahm Wäsche von der Leine . Das Herz lachte ihr im Leibe , während sie unter den hochgespannten Seilen hinschlüpfte - frischgefallener Schnee , ja , was war der gegen das Weiß der bleichenden Tafeltücher und Leinenbezüge ? - Seit urvordenklichen Zeiten war stets das schönste Bleichwetter , sobald die Leinenschätze des ehrenwerten Hauses » Lamprecht und Sohn « an die Luft gebracht wurden - » selbstverständlich ! « Es sei das so gut ein Vorrecht wie das berühmte Kaiserwetter , meinte Tante Sophie immer mit listigem Augenzwinkern , denn es war jemand im Hause , der solche » Blasphemien « absolut nicht hören mochte ... Nun zog heute wieder die köstliche Sommerluft dörrend durch die feuchten Lakenreihen , und die Julisonne schien ihre ganze Kraft in dem mächtigen Viereck des Hofes zu konzentrieren . Ueber die Dächer schossen Schwalbenscharen , wie stahlglänzende Pfeile , in den Hof herein ; ihre Nester hingen an den steinernen Fenstersimsen in der Bel-Etage des östlichen Seitenflügels , und es war niemand da , der den kleinen Blauröcken wehrte , wenn sie auf den Simsen rasteten und in ihrem aufdringlichen Gezwitscher kein Ende fanden . Ja , es wehrte ihnen weder ein Menschenblick , noch eine fortscheuchende Handbewegung ; denn nie klang eines der Fenster droben in diesem Seitenbau , höchstens daß einmal im Jahre auf Stunden gelüftet wurde ; dann fielen die großblumigen Gardinen wieder zusammen und ließen es geduldig geschehen , daß ihnen die Sonne den letzten Farbenrest aus der morschen Seidenfaser sog. Das Haupthaus , dessen Fassade auf den vornehmsten Platz der Stadt hinausging , hatte der Zimmer und Säle genug , und der Bewohner waren nicht viele , da brauchte man die obere Zimmerflucht des östlichen Seitenflügels nicht . Die Leute sagten aber anderes . So hell und sonnig auch das angebaute Hinterhaus in die Lüfte stieg , und so friedlich es erschien mit seinen hohen , stillen Fenstern , es war doch der unheimliche Schauplatz eines Kampfes , eines fortgesetzten , gespenstigen Kampfes bis in alle Ewigkeit . So sagten die Leute draußen in Gassen und Straßen , und die darinnen widersprachen nicht . Warum auch ? Hatte es doch seit Anno 1795 , wo die schöne Frau Dorothea Lamprecht in dem Seitenflügel ihr Wochenbett abgehalten und da verstorben war , fast keinen dienstbaren Geist der Familie gegeben , der nicht wenigstens einmal die lange Schleppe eines weißen Nachtgewandes durch den Korridor hätte schleifen sehen , oder gar gezwungen gewesen war , sich halbtot vor Schrecken platt an die Wand des Ganges zu drücken , um die lange , hagere » Selige « im grauen Spinnwebenkleide an sich vorüberzulassen . Drum schliefe auch niemand droben in dem Hause , sagten die Leute . An dem » Unwesen « sollte ein Eidbruch schuld sein . Justus Lamprecht , der Urgroßvater des derzeitigen Familienoberhauptes , hatte seinem sterbenden Eheweibe , der Frau Judith , feierlich zuschwören müssen , daß er ihr keine Nachfolgerin geben wolle - es sei um ihrer zwei Knaben willen , sollte sie gesagt haben ; im Grunde aber war es glühende Eifersucht gewesen , die keiner anderen den Platz an der Seite ihres zurückbleibenden Ehemannes gegönnt . - Herr Justus hatte aber ein leidenschaftliches Herz gehabt , und seine schöne Mündel , die in seinem Hause gewohnt , nicht minder . Sie hatte gemeint , und wenn sie in die Hölle mit ihm müsse , sie lasse doch nicht von ihm und heirate ihn der neidischen Seligen zum Trotz und Tort . Und sie hatten auch zusammen gelebt , wie zwei Turteltauben , bis sich die schöne , junge Frau Dorothea eines Tages in den Seitenflügel zurückgezogen , um sich in der mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Wochenstube ein neugeborenes Töchterchen in den Arm legen zu lassen . Herr Justus Lamprecht hatte gesagt , nun sei er auf dem Gipfel des Glückes ... Es war aber gerade strenger Winter gewesen , und just in der Weihnachtsnacht , wo draußen alles zu Stein und Bein gefroren , war mit dem Glockenschlag Zwölf langsam und feierlich die Thüre der Wochenstube nach dem Gange hinaus zurückgefallen , und die Selige war auf einer grauen Wolke , wie in Spinnweben gewickelt , hereingekommen . Und die Wolke , der Spinnwebenrock , und der häßliche Kopf mit der Spitzen-Dormeuse , alles war unter den seidenen Betthimmel gekrochen und hatte sich auf der Wöchnerin so fest zusammengekauert , als solle dem blühenden jungen Weibe das Herzblut ausgesogen werden . - Der Wartfrau waren Hand und Fuß gelähmt gewesen , und sie hatte sozusagen in einer Eisgrube gesessen , so mörderisch kalt war es von dem Spukwesen ausgegangen ; die Sinne waren ihr vergangen , und erst lange danach , als das Neugeborene geschrieen , war sie wieder zu sich gekommen . Ja , das war nun eine schöne Bescherung gewesen ! Die Thüre nach dem eisigkalten Gang hatte noch sperrangelweit offen gestanden , und von der bösen Frau Judith war auch nicht ein Rockzipfelchen mehr zu sehen gewesen , im Bette aber hatte Frau Dorothea aufrecht gesessen und unter heftigem Schütteln und Schaudern mit den Zähnen geklappert und ganz wirr nach dem Kind in der Wiege gesehen , und nachher war sie in Raserei verfallen , und nach fünf Tagen hatte sie , ihr totes Kindlein im Arm , im Sarge gelegen . - - Die Aerzte hatten gesagt , Mutter und Kind seien infolge heftiger Erkältung gestorben ; die pflichtvergessene Wärterin habe die Thüre schlecht verschlossen , sei eingeschlafen und habe verrückt