Hölderlin , Friedrich Hyperions Jugend www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friedrich Hölderlin Hyperions Jugend [ Fragment ] Erster Teil Erstes Kapitel In den ersten Jahren der Mündigkeit , wenn der Mensch vom glücklichen Instinkte sich losgerissen hat , und der Geist seine Herrschaft beginnt , ist er gewöhnlich nicht sehr geneigt , den Grazien zu opfern . Ich war fester und freier geworden in der Schule des Schicksals und der Weisen , aber streng ohne Maß , in vollem Sinne tyrannisch gegen die Natur , wiewohl ohne die Schuld meiner Schule . Der gänzliche Unglaube , womit ich alles aufnahm , ließ keine Liebe in mir gedeihen . Der reine freie Geist , glaubt ich , könne sich nie mit den Sinnen und ihrer Welt versöhnen . Ich kämpfte überall mit dem Vernunftlosen , mehr , um mir das Gefühl der Überlegenheit zu erbeuten , als um den regellosen Kräften , die des Menschen Brust bewegen , die schöne Einigkeit mitzuteilen , deren sie fähig sind . Stolz schlug ich die Hülfe aus , womit uns die Natur in jedem Geschäfte des Bildens entgegenkömmt , die Bereitwilligkeit , womit der Stoff dem Geiste sich hingibt ; ich wollte zähmen und zwingen . Ich richtete mit Argwohn und Härte mich und andre . Für die stillen Melodien des Lebens , für das Häusliche und Kindliche hatt ich den Sinn beinahe ganz verloren . Einst hatte Homer mein junges Herz so ganz gewonnen ; auch von ihm , und seinen Göttern war ich abgefallen . Ich reiste , und wünscht oft , ewig fortzureisen . Da hört ich einst von einem guten Manne , der seit kurzem ein nahes Landhaus bewohne , und ohne sein Bemühn recht wunderbar sich aller Herzen bemeistert habe , der kleineren , wie der größern , der meisten freilich , weil er fremd und freundlich wäre , doch wären auch einige , die seinen Geist verständen , ahndeten . Ich ging hinaus , den Mann zu sprechen . Ich traf ihn in seinem Pappelwalde . Er saß an einer Statue , und ein lieblicher Knabe stand vor ihm . Lächelnd streichelt ' er diesem die Locken aus der Stirne , und schien mit Schmerz und Wohlgefallen das holde Wesen zu betrachten , das so ganz frei und traulich dem königlichen Mann ins Auge sah . Ich stand von fern und ruhte auf meinem Stabe ; doch da er sich umwandte , und sich erhub , und mir entgegentrat , da widerstand ich dem neuen Zauber , der mich umfing , mit Mühe , daß ich mir den Geist frei erhielt , doch stärkte mich auch wieder die Ruhe und Freundlichkeit des Mannes . - Und wie ich wohl die Menschen fände auf meinen Wanderungen , fragt ' er mich nach einer Weile . Mehr tierisch , als göttlich , versetzt ich hart und strenge , wie ich war . O wenn sie nur erst menschlich wären ! erwidert ' er mit Ernst und Liebe . Ich bat ihn , sich darüber zu erklären . Es ist wahr , begann er nun , das Maß ist grenzenlos , woran der Geist des Menschen die Dinge mißt , und so soll es sein ! wir sollen es rein und heilig bewahren , das Ideal von allem , was erscheint , der Trieb in uns , das Ungebildete nach dem Göttlichen in uns zu bilden , und die widerstrebende Natur dem Geiste , der in uns herrscht , zu unterwerfen , er soll nie auf halbem Wege sich begnügen ; doch um so ermüdender ist auch der Kampf , um so mehr ist zu fürchten , daß nicht der blutige Streiter die Götterwaffen im Unmut von sich werfe , dem Schicksal sich gefangen gebe , die Vernunft verleugne , und zum Tiere werde , oder auch , erbittert vom Widerstande , verheere , wo er schonen sollte , das Friedliche mit dem Feindlichen vertilge , die Natur aus roher Kampflust bekämpfe , nicht um des Friedens willen , seine Menschlichkeit verleugne , jedes schuldlose Bedürfnis zerstöre , das mit andern Geistern ihn vereinigte , ach ! daß die Welt um ihn zu einer Wüste werde , und er zu Grunde gehe in seiner finstern Einsamkeit . Ich war betroffen ; auch er schien bewegt . Wir können es nicht verleugnen , fuhr er wieder erheitert fort , wir rechnen selbst im Kampfe mit der Natur auf ihre Willigkeit . Wie sollten wir nicht ? Begegnet nicht in allem , was da ist , unsrem Geiste ein freundlicher verwandter Geist ? und birgt sich nicht , indes er die Waffen gegen uns kehrt , ein guter Meister hinter dem Schilde ? - Nenn ihn , wie du willst ! Er ist derselbe . - Verborgnen Sinn enthält das Schöne . Deute sein Lächeln dir ! Denn so erscheint vor uns der Geist , der unsern Geist nicht einsam läßt . Im Kleinsten offenbart das Größte sich . Das hohe Urbild aller Einigkeit , es begegnet uns in den friedlichen Bewegungen des Herzens , es stellt sich hier , im Angesichte dieses Kindes dar . - Hörtest du nie die Melodien des Schicksals rauschen ? - Seine Dissonanzen bedeuten dasselbe . Du denkst wohl , ich spreche jugendlich . Ich weiß , es ist Bedürfnis , was uns dringt , der ewig wechselnden Natur Verwandtschaft mit dem Unsterblichen in uns zu geben . Doch dies Bedürfnis gibt uns auch das Recht . Es ist die Schranke der Endlichkeit , worauf der Glaube sich gründet ; deswegen ist er allgemein , in allem , was sich endlich fühlt . Ich sagt ihm , daß es mir sonderbar ginge mit dem