Ebner-Eschenbach , Marie von Ein kleiner Roman www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Marie von Ebner-Eschenbach Ein kleiner Roman 1 Es ist schon ziemlich lange her , seit ich die Entdeckung gemacht habe , daß ich anfange ungesellig zu werden . Ein gewisser Schrecken bemächtigt sich meiner , sooft mir ein Billett ins Zimmer gebracht wird , das danach aussieht , als ob es eine Einladung oder eine Ansage enthielte . Kein Tag vergeht mir so rasch , hinterläßt mir eine so angenehme Erinnerung wie einer , an dem ich weder einen Besuch zu machen noch zu empfangen brauche . Kein Abend scheint mir besser angewendet als der , den ich in meiner Kaminecke verträume , allein mit meinen Gedanken und mit meiner Strickerei . Indessen , es gibt eine Ausnahme . Es gibt eine Frau Hofrätin , die mich noch niemals zu sich beschieden hat , ohne daß ich ihrem Rufe mit Freude und Eilfertigkeit Folge geleistet hätte . Die Hofrätin ist eine liebenswürdige , schöne , ja bildschöne , mehr als siebzigjährige Frau . Edlere Züge lassen sich nicht denken als die ihres zarten , blassen , mit unzähligen Fältchen bedeckten Gesichtes . Die großen hellbraunen Augen haben ihr Feuer längst verloren , aber es spiegelt sich in ihnen der Widerschein eines inneren Lichtes , einer Seele voll Güte , Geist und Adel . Die Lippen sind farblos und schmal geworden , doch umgibt sie im Schweigen wie im Sprechen ein Ausdruck , den man geradezu hold nennen muß . Ihre Gestalt ist hager und etwas über mittelgroß . Wenn ich meiner alten Freundin auf der Straße begegne , bewundere ich jedesmal die Leichtigkeit ihres Ganges , ihre gerade Haltung , ihre eigentümliche Art , den Kopf zu tragen , so hoch und frei , so ungebeugt von des Lebens Mühen . Ich liebe sie , das heißt , wir lieben uns , denn sie ist nachsichtig , und ich bin dankbar . Sie tadelt zwar meinen Hang zur Ein- oder höchstens Zweisiedelei , aber sie verzeiht , ja sie unterstützt ihn noch . » Ich lasse es Ihnen wieder sagen , wenn ich nicht zu Hause bin « , beschwichtigt sie regelmäßig meine Klagen über die allzu rasche Flucht eines mit ihr zugebrachten Abends . Leider jedoch ist sie meistens zu Hause für einen großen Bekanntenkreis , der sich in zwei roten Salons auf gleißenden Atlasmöbeln und unter Kronleuchtern für je achtundvierzig Kerzen um die gastfreie Greisin versammelt . Schöne , mir aber unheimliche Ungeheuer , diese beiden Säle ! Es heißt zwar , daß man sich in ihnen sehr gut unterhält , daß gefeierte Menschen darin umherwandeln , Tee trinken und sich dabei so natürlich benehmen , daß man sie von gewöhnlichen Sterblichen kaum unterscheiden kann . Trotzdem fühle ich keine Sehnsucht nach ihrem Anblick . Ein gutgearteter , alter Vogel begleitet gewiß alles , was noch fliegen kann , mit seinen innigsten Segenswünschen ; wenn er aber dabei den Kopf unter dem erlahmenden Flügel versteckt , braucht ihm das niemand übelzunehmen . Was mich betrifft , ich danke für die roten Salons und bin es zufrieden , im grauen Schlafgemach meiner Hofrätin empfangen zu werden . Das ist mir ein liebes Zimmer ! Geräumig , einfach und nett . An den vier Wänden stehen einander ehrlich und gerade gegenüber ein Pfeilerkasten und ein Etablissement , ein schmales Bett und ein breiter Schrank . In dem Pfeilerkasten residieren sicherlich Hüte und Hauben , und den mächtigen Schrank habe ich in Verdacht , trotz seiner eingelegten Flügeltüren und gewundenen Säulen doch nur ein Kleider- und Wäschebehältnis zu sein . Das Etablissement besteht aus einem Kanapee , einem Tisch , zwei Fauteuils und vier Stühlen , alles dünnbeinig , und die Sitzmöbel mit einem Wollenstoff überzogen , auf dem seit unvordenklichen Zeiten indische Schützen ihre Pfeile auf phantastische Vögel anlegen , die , inmitten zierlicher Arabesken thronend , das tödliche Geschoß getrosten Mutes erwarten . - Das Bett ist mit glattem , grünem , auf einen Rahmen gespanntem Zeuge überdeckt , und über dem Bett hängt das Porträt des Herrn Hofrates selig . Ein freundlicher alter Herr im schwarzen Frack mit hoher , weißer Krawatte , das Kommandeurkreuz des Leopold-Ordens an rotem Bande um den Hals . Er trägt einen etwas zu reichen Haarschmuck , der nicht auf seinem Kopfe gewachsen zu sein scheint . Die Augen sind klein , die Nase ist groß , gebogen und messerrückendünn , der Mund eingekniffen , das Kinn spitzig , und man kann nicht genug darüber staunen , daß so scharfe Züge soviel Milde auszudrücken vermögen . Unwillkürlich denkt man : Der hat seiner Umgebung das Leben leicht gemacht ! Und diesen Gedanken äußern heißt , der Hofrätin eine Freude bereiten . Sie hat mit ihrem Mann eine sehr glückliche Ehe geführt , obwohl sie ihn dereinst lange schmachten ließ , bevor sie die Seine wurde . Er hatte sie in Paris kennengelernt , wo sie ihre Jugend als Erzieherin der einzigen Tochter der Herzogin von P. zubrachte und er als Beamter an der österreichischen Botschaft angestellt war . Wie der Blitz schlug die Liebe in sein Herz ein . Von ihrer göttlichen Zuversicht und dem Glauben an Erwiderung erfüllt , warb er um die Hand Fräulein Helenens und erhielt ein wohlgeflochtenes Körblein . Sie sprach ihren Dank für den ehrenvollen Antrag aus und den Entschluß , ihren teuern Zögling nicht zu verlassen , bevor dessen Erziehung beendet sei . Aus Verzweiflung über die erlittene Enttäuschung stürzte sich der abgewiesene Freier - in die Arme einer hübschen Französin , deren Neigung bis jetzt von ihm verschmäht worden war . Ein paar Jahre hindurch quälte ihn das verwöhnte und kränkliche