Raabe , Wilhelm Alte Nester www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Alte Nester Zwei Bücher Lebensgeschichten Ein Freund von mir begleitete einmal Goethen auf einem Spaziergange . Unterwegs stießen sie auf einen armen Knaben , der am Wege saß , den Kopf in den Händen und die Arme auf die Knie stützend und so ins Blaue hineinstarrend . » Junge , was machst du da ? Worauf wartest du ? « rief Goethes Begleiter . - » Worauf sollte er warten , mein Freund ? « nahm Goethe das Wort . » Er wartet auf menschliche Schicksale . « - O. L. B. Wolff [ 092 ] Allgemeine Geschichte des Romans , von dessen Ursprung bis zur neuesten Zeit Erstes Buch Erstes Kapitel Eine Blume , die sich erschließt , macht keinen Lärm dabei ; auch das , was man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet , halte ich für eine Fabel . Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit , das wahre Glück ; und das echte Heldentum . Unbemerkt kommt alles , was Dauer haben wird in dieser wechselnden lärmvollen Welt voll falschen Heldentums , falschen Glückes und unechter Schönheit ; und es ist kein eitles , sich überhebendes Wort , was ich hier zu Anfang dieser Blätter hinsetze ; denn es sind die Lebensgeschichten anderer Leute , die ich beschreiben will , nicht meine eigenen . Das Heldentum und die Schönheit der Rolle , die ich dabei abspiele , lassen sich wohl halten in der hohlen Hand . Aber eines ist auch wahr und darf gesagt werden Glück , viel Glück habe ich wohl nicht gehabt , aber doch dann und wann mein Behagen , meine Belustigung und meine Ergötzlichkeiten ; und das alles ist gleichfalls ganz natürlich und ziemlich unbemerkt gekommen und gegangen - so daß es heute in den gegenwärtigen stillen , nachdenklichen , überlegenden Stunden nichts Erstaunenswürdigeres für mich gibt als mein unleugbar vorhandenes Wohlgefallen nicht nur an der Welt , sondern auch immer noch an mir . Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fällt in die Zeit der Gründung des Deutschen Zollvereins , also in den Anfang der vierziger Jahre dieses Säkulums . Wer eine Ahnung davon hatte , daß aus dieser anfangs etwas unbequemen und vielbestrittenen Institution einmal das einige Deutsche Reich aufwachsen könne , behielt dieselbe ruhig für sich , und eine kleine Ausnahme machte da vielleicht nur ein kleiner Mann im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris , M. Louis-Adolphe Thiers genannt . Das deutsche Volk ließ sich murrend , wenn auch nach seiner Art gutwillig die ersten Lebensbedürfnisse und vor allem das Salz durch den segensreichen politischen Schachzug verteuern . Da war nun so ein Stätlein ( auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu sehen ) , das diesem » preußischen Verein « beigetreten war , aber seine Planetenstelle nicht verändern konnte , sondern liegenbleiben mußte , wo es lag , nämlich ganz und gar umgehen von einem anderen Staat , der nicht » beigetreten « war , und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine Idee davon , was das seinerzeit bedeutete , obgleich es eigentlich noch gar so lange nicht her ist . Zog der eine deutsche Bruder seinen Grenzkordon , so zog ihn der andere ebenfalls . Daß wir im ganzen das Deutsche Volk und der erlauchte Deutsche Bund dabei blieben , konnte den Zeitungsleser nur mäßig erquicken und ihn höchstens ganz kosmopolitisch in seiner Selbstachtung über dem Wasser erhalten . Die Hauptsache für mich , auch heute noch , ist , daß das , was damals von zivilversorgungsberechtigten Militärpersonen vorhanden war , fest darauf rechnen durfte , » unter die Steuer gesteckt zu werden « , und daß mein braver , seliger Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natürlich gleichfalls hineinfiel und meine Mutter ebenso selbstverständlich mit ihm . Meine erste deutliche Lebenserinnerung aber ist , daß ich von einem Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde , das mir aus einem einzigen großmächtigen , kindlich-ungeheuerlichen schwarzen Scheunenflur , einer Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen nebst den dazugehörigen heraäugigen , hauptschüttelnden , kettenrasselnden gekrönten Herrschaften zu bestehen schien . Dem war jedoch nicht ganz so . Es fanden sich in dem unteren Raume dieses Hauses noch zwei oder drei Gemächer , die den zu dem Feuerherde und den Haustieren gehörigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten ; und eine leiterartige , steile Stiege führte sogar in ein oberes Stockwerk , wenigstens in der Front des Gebäudes , empor - in unsere Wohnung , die einzige , die meinen Eltern bei ihrer Versetzung in dieses Gebirgsstädtchen offengestanden hatte . Dicht an unsere Wohnung stieß der Heuboden , und wir hatten deshalb mit Feuer und Licht sehr vorsichtig umzugehen , was wir denn auch taten , und vorzüglich ich , dem alles unnötige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde . Mein Vater , der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter , trug einen Säbel und eine Uniform , die mir heute in der Erinnerung den Eindruck von Grünblau und Blau und vielen gelben Metallknöpfen mit dem Landeswappen macht . Was den Anzug meiner Mutter betrifft , so halte ich es hell in dem Gedächtnis fest , daß sie stets in hellen Kleidern ging - bis zu dem Ereignis , das sie für immer in Schwarz und Grau warf . Die Salzschmuggler haben mir nämlich meinen Vater erschossen . Um einen Sack voll Salz mußte er damals sein Leben im Walde auf der lächerlichen Grenze lassen . Ich aber habe wahrlich später keine Verlustliste , die um des deutschen Volkes Einheit ausgegeben wurde , gelesen , ohne an den alten Griesgram auf seinem Felde der Ehre wehmütig und kopfschüttelnd