Wörishöffer , Sophie Robert der Schiffsjunge www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Sophie Wörishöffer Robert der Schiffsjunge Zu Hause In dem holsteinischen Städtchen Pinneberg , das damals noch ein Flecken war , stand vor ungefähr hundert Jahren am Ufer der Pinnau das Häuschen des alten Schneidermeisters Kroll . Ein Gemüsegarten reichte vom Hof bis zum Wasser herab , und mehrere baufällige Scheunen beherbergten unter ihren moosbewachsenen Ziegeldächern allerlei Tiere , die auf dem Lande die meisten Leute selbst halten und schlachten : Schweine , Hühner und Tauben ; außerdem aber auch noch eine Kuh und zwei Ziegen . Daneben gab es einen Holzstall , eine Geschirrkammer und einen kleinen ausgemauerten Raum , den etwa zehn bis zwölf Kaninchen bewohnten . Sie gehörten Robert , dem fünfzehnjährigen Sohn des Meisters , der als Oberaufseher über alle Bewohner des Hofes von seinem Vater angestellt worden war , obgleich er dies Amt nicht immer zur Zufriedenheit des Alten verwaltete . Besonders an Sommerabenden brüllte , grunzte und piepste es in den Ställen jämmerlich durcheinander , bis der Meister mit der Brille auf der Nase herauskam und all die leeren Futtertröge sah . » Wo steckt nur wieder der Junge ? Auf und davon , sobald die Feierabendglocke geschlagen hat , anstatt sich noch in Haus und Hof nützlich zu machen , noch einen Groschen extra zu verdienen oder wenigstens ein gutes Buch zu lesen . Der schwimmt irgendwo auf der Aue oder auf dem Mühlteich , und wenn es mir nicht gelingt , ihn zahm zu machen , so wird er ein Vagabund , ein Taugenichts . « Und kopfschüttelnd versorgte der Alte die Tiere , kopfschüttelnd nähte er wieder seine Flicken auf die schadhaften Kleidungsstücke der Ortsbewohner und überlegte zum hundertsten Male , womit er seinen einzigen Sohn zur Vernunft bringen sollte . Robert war ein so kluger Junge , konnte alles spielend vollenden , was andern die größte Mühe machte , aber er hatte » seinen eigenen Kopf « , wie der Vater seufzend dachte , und er verachtete heimlich das Schneiderhandwerk , zu dem er doch erzogen werden sollte . Ja , er verachtete es , er warf Schere und Bügeleisen in den Winkel , sobald es irgend möglich war , und lief lieber mit einem Loch im Ärmel herum , als es sich fein säuberlich zuzunähen . Meister Kroll ließ die Hand mit der Nähnadel in den Schoß sinken und schaute vom Tisch herab ganz trübsinnig auf die Straße hinaus . » Könnte es so schön haben « , murmelte er vor sich hin , » könnte so warm sitzen und will durchaus in die weite Welt laufen , um sich erst einmal mürbe machen zu lassen und auszuprobieren , wie fremder Leute Brot schmeckt . Soll aber nichts daraus werden , so wahr ich Hans Fürchtegott Kroll heiße . Den einen Jungen besitze ich nur , das Häuschen ist schuldenfreies Eigentum und die Kundschaft nährt ihren Mann , also was will der Robert weiter ? Sag , Mutter , was meinst du dazu ? « Die alte Frau fuhr mit der Schürze über die Augen . » Es nützt ja nichts , Vater , du kannst ihn nur halten , bis er ausgelernt hat , dann geht er zur See . « Der Alte nickte vor sich hin . » Hat dir ' s wohl schon alles anvertraut , nicht wahr ? « brummte er , » aber daraus wird nichts . « Die Mutter schwieg , um ihren Mann nicht noch mehr aufzubringen und dadurch dem Jungen zu schaden . Sie machte Robert vielmehr , wenn er spät nach Hause kam , allerlei heimliche Zeichen , daß er nur ganz still ins Bett schlüpfen und sich gar nichts merken lassen solle . » Der Junge muß sich doch am Abend ein bißchen austoben « , dachte sie . » Er ist ja noch ein Kind , das vergißt der Alte . « Sie nahm sich auch , wenn es irgend möglich war , der Tiere an und verschwieg es dem Vater , wenn Robert heimlich fortgelaufen war . » Er mag nun einmal nicht sitzen « , überredete sie sich , » und den einzigen Jungen habe ich nur . Warum soll er immer arbeiten , als wären wir arme Leute , die das Brot trocken essen müssen ? Laß ihn nur laufen . « Die Folgen dieser falschen Erziehung zeigten sich aber bald . Der Vater schlug den Jungen mehr als er verdiente , die Mutter dagegen half ihm immer wieder , sich durch kleine Lügen diesen Bestrafungen zu entziehen , und Robert selbst wurde immer trotziger und ungehorsamer . » Ich will kein Schneider werden « , erklärte er eines Tages dem Alten rund heraus , » ich habe dazu keine Lust . Das Seemannshandwerk ist auch ein ehrliches Gewerbe , nicht schlechter als sonst eins . Ich möchte mehr von der Welt sehen als nur das kleine Pinneberg . « Der Meister schüttelte den Kopf . » Ist alles dummes Zeug « , antwortete er . » Sollst in die Kundschaft hereinwachsen , dies Häuschen übernehmen und eines Tages hier begraben werden , wie schon mein Großvater selig und mein Vater hier begraben worden sind . Sie waren Schneider vom Vater auf den Sohn , und du wirst es auch , verstanden ? « Robert weinte bitterlich . » Ich sehe es aber gar nicht ein ! « schluchzte er . » Ich desto besser . Bleibe im Lande und nähre dich redlich ! heißt der alte Spruch . Wer ' s nicht getan hat , der mußte es bitter zu seinem Schaden erfahren . « Robert hob plötzlich den Kopf .