Marlitt , Eugenie Das Heideprinzeßchen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eugenie Marlitt Das Heideprinzeßchen 1 Er ist ein einsamer Wanderbursch , der kleine Fluß , er läuft durch die stille Heide . Seine schwach klingenden Wellchen kennen nicht das tolle Jauchzen thaleinwärts stürzender Wasser ; sie trollen sich gemächlich über widerstandslose , flach gewaschene Kiesel , zwischen seichten , mit Weiden und Erlen bestandenen Borden . Das Gebüsch aber verschränkt seine Zweige so undurchdringlich , als dürfe nicht einmal der Himmel droben wissen , daß die kleine Ader voll rieselnden Lebens in der verrufenen Heide klopfe . Und das ist so recht im Sinn vieler böser Zungen , die draußen in der Welt diese weiten Flächen germanischen Tieflandes verlästern . Lieber , sieh dir einmal das vielgeschmähte Proletarierweib , die Heide , im Hochsommer an ! Freilich , sie hebt die Stirne nicht bis über die Wolken , das Diadem des Alpenglühens oder einen Kranz von Rhododendren suchst du vergebens ; - sie trägt nicht einmal die Steinkrone des Niedergebirges ; auch schmiegt sich nicht der breite funkelnde Stahlgürtel eines gewaltigen Wasserstromes unter ihren Busen ; aber die Erika blüht ; ihre lila- und rotgemischten Glockenkelche werfen über die sanften Biegungen des Riesenleibes einen farbenprächtigen , mit Myriaden gelbbestäubter Bienen durchstickten Königsmantel - und der hat einen köstlichen Saum . Weit drüben schwillt die humusarme , sandige Fläche , die allerdings nur für das genügsame Heidekraut einen Nahrungsquell hat , zur mäßigen Anhöhe empor ; in dem Boden steckt Kraft und Mark ; der lange dunkle Streifen , mit welchem er die rotflimmernde Ebene plötzlich abschneidet , ist Wald , tiefer majestätischer Laubwald , wie er seinesgleichen sucht . Stundenlang schreitest du durch die dämmernden Säulenreihen , die der verachtete Heideboden gen Himmel treibt . In dem Geäst , hoch über deinem Haupte , nisten Finken und Drosseln , und aus dem Dickicht äugt das fliehende Wild scheu nach dir herüber . Und wenn endlich der Hochwald in niedriges Kieferngestrüpp ausläuft und dein Fuß zögert , auf die Waldbeeren zu treten , die hier , wie vom Himmel niedergeschüttet , in Scharlach und bläulicher Schwärze den Abhang färben , während von der Bodensenkung draußen liebliches Wiesengrün und das blasse Gold reifender Getreidefelder heraufschimmern - wenn aus dem mitten drin liegenden Dorf , das seine urgemütlichen Wohnhäuser um den ziegelbedeckten Kirchturm schart , menschliches Leben und Treiben und das Gebrüll stattlichen Hornviehs herüberschallt , dann denkst du wohl lächelnd der trostlosen , gottverlassenen Sandwüste , wie sie » in den Büchern steht « . Das Flüßchen freilich , mit welchem diese Niederschrift beginnt , durchmißt eine der dürftigsten , menschenleersten Strecken . Es läuft lange parallel mit der Waldlinie am Horizonte , und erst nach reiflichem Ueberlegen macht es eine selbständige Schwenkung nach ihr hinüber . Bei aller Sanftmut nagt und wühlt es doch am weichen Uferboden , und einmal sogar gelingt es ihm , ein Miniaturbecken zu bilden , in welchem die langsam rinnenden Wasser scheinbar rasten . Hier weiß man nicht , wo die Luft aufhört und das Wasser beginnt , so klar abgezeichnet liegen die weißen Kiesel drunten , und so wenig bewegt schwimmt das Nixenhaar darüber hin . Das kleine Rund treibt die Erlenbüsche auseinander , eine lichtbedürftige Birke hat sich um einen Schritt hinausgeflüchtet und steht da wie ein holdes Sagenkind , dem die Sommerlüfte unaufhörlich blinkende Silberstücke aus den Locken schütteln . Es war in den letzten Tagen des Juni . In dem kühlen Wasser des kleinen Beckens standen ein Paar brauner Mädchenfüße . Zwei ebenso sonnverbrannte Hände zogen das schwarze grobwollene Röckchen fest und vorsichtig um die Kniee , während sich der Oberkörper neugierig vornüber bog . Schmale , mit weißen Linnen bedeckte Schultern und ein junges , braun angehauchtes Gesicht - in der That , es war wenig und winzig genug , was der Fluß zurückwarf ; immerhin - den zwei Augen im Wasser war es sehr gleichgültig , ob das Gesicht , in welchem sie saßen , griechische Regelmäßigkeit oder den Hunnentypus zeigte . Hier auf dem einsamsten Fleck der Heide gab es keinen Maßstab für weibliche Schönheit , keine Anregung zum Vergleich ; nur daß alles , was im unverfälschten Tageslicht » natürlich « und altgewohnt erschien , aus dem Wasserspiegel so fremd heraufsah , das machte ihn verlockend . Draußen im Sonnenschein , im sausenden Heidewind flatterte das ziemlich kurz verschnittene Lockenhaar lustig um Stirn und Nacken - hier unten wurde es zu schwer niederhängenden Rabenflügeln , unter denen hervor die kleinen , roten Glasperlen der Halskette wie dunkelglühendes Blut tropften , und das grobe derbe Leinenhemd gar leuchtete geschmeidig und seidenweich , als schwimme eine einzige große , schneeweiße Glockenblume drunten im Wasser - es verwandelte sich eben alles wie in der allerschönsten , alten Zaubergeschichte . Meist füllte ein Stück dunkler Himmelsbläue die Bresche der Büsche , das gab der Wasserfläche eine harte Stahlfarbe und dem Mädchenbilde einen eintönigen Hintergrund . In diesem Augenblick jedoch liefen plötzlich glühende Dunstgebilde über den Spiegel - es war unglaublich , aber trotz allem dem quollen sie unmittelbar aus den Haarspitzen des Lockenkopfes . Das kämpfte durcheinander und glühte immer höher auf , als solle allmählich die ganze Welt von Purpur triefen . Nur das heimliche Düster um die Wurzeln des Buschwerks vertiefte sich zur finsteren Höhle , aus der einzelne Zweige wie schwarze Stalaktitenzacken in das schwimmende Feuer hineinragten - eine neue , blitzschnelle Wendung der alten Zaubergeschichte . Aber sie erzeugte einen heillosen Schrecken . Nahm doch selbst der Schatten , den das vorgeneigte Mädchen warf , Brunnentiefe an , aus der herauf zwei übergroße , entsetzte Augen glitzerten . Die braunen Füße gehörten zu keiner Heldenseele