François , Louise von Die letzte Reckenburgerin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise von François Die letzte Reckenburgerin Einführung Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von Waterloo , als in einem niederländischen Grenzstädtchen armen Eltern eine Tochter geboren wurde . Die kleine , fremde Stadt ist nicht der Schauplatz unserer Geschichte , und die kleinen , fremden Leute sind nicht deren Helden . Das alltägliche Ereignis aber sollte gleichsam den Angelpunkt bilden , um welchen dieselbe rückwärts und vorwärts sich bewegen wird . Denn wäre jenes Kindlein nicht geboren , oder wäre es nicht in der Fremde und in Dürftigkeit geboren worden , so würde die weite Welt von unserer wirklichen Heldin schwerlich etwas Näheres erfahren , und wir würden ihr nicht deren Geheimnisse zu offenbaren haben . Der Vater des Kindes war noch jung , vielleicht kaum großjährig . Dazu ein Mann von auffälliger , sagen wir ritterlicher Kraft und Schöne der Gestalt , wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in den frühverwüsteten , narbigen Zügen zu lesen stand , und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum Krüppel machte . Er war als unbärtiger Forstlehrling der Schar des Braunschweig-Öls in Sachsen zugelaufen , hatte die heldenmütigen Fahrten und Taten dieses Korps unter britischer Fahne auf der Halbinsel wie später in den Niederlanden geteilt , bis er , bei la Haye sainte schwer verwundet und eines Gliedes beraubt , als Wachtmeister verabschiedet worden war . » Prinz Gustel « hatten die Kameraden der Legion den stattlichen , flotten Sachsen tituliert ; er selber nannte sich bescheidentlich August Müller . Die Mutter mochte leicht eine Mandel Jahre mehr zählen als ihr Gespons , und es liegt , zu unserer Befriedigung , uns nicht ob , über die vergangenen Tage der » schwarzen Lisette « gewissenhaft Buch zu führen . Genug , daß sie als Marketenderin , zuletzt bei der Legion , gedient , daß sie ihren August nach seiner Verwundung getreulich verpflegt hat , daß sie sein rechtmäßiges Weib geworden und jetzt emsig bemüht ist , den armseligen Haushalt durch langentwöhnte Handarbeit zu fristen . Die späte Wiege schien eine unberechnete Gerätschaft in ihrem Mahlschatz gewesen zu sein . Jedenfalls hatte die Kampfesstunde , welche einem Menschen das Leben gibt , das wetterbraune , hartgliederige Weib schwerer mitgenommen als zwanzig Kampfesjahre , in welchen sie Tausende das ihre verenden sah . Die Finger zitterten und der Schweiß tropfte von ihrer Stirn , als sie jetzt , bei eintretender Dämmerung , die feinen Lederzwickelchen noch aneinanderpaßte , die sich , sobald der Morgen graute , in zierliche Handschuhe verwandeln sollten . Sie seufzte , wenn sie von Zeit zu Zeit einen schüchternen Blick auf das schwächliche Wesen fallen ließ , das seit drei Tagen , fast ohne zu erwachen , an ihrer Seite kaum merkbar atmete . Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen Invaliden dieser häusliche Zustand vorzukommen . Er schritt in der halbdunklen , niedrigen Kammer auf und ab gleich einem eingefangenen Hirsch , der sich das Geweih abzustoßen fürchtet , riß dann , schwer atmend , das Fensterschößchen auf und schlug es unwirsch wieder zu , als er die Frau ängstlich das Kind gegen den Luftzug bedecken sah . Endlich aber rannte er , ein Donnerwetter brummend , aus der Tür , durch welche wir ihn nach einer Weile , eine Weinflasche in der Hand und in gemütlicherer Laune , zurückkehren sehen . » Leg das Zeug beiseite und tu einen Zug , Lisette ! « rief er der Wöchnerin entgegen . » Du bists gewöhnt , und es tut dir not , armes Weib . « Frau Lisette schüttelte bedenklich den Kopf , seufzte und fragte mit tiefer , zurzeit merkbar angegriffener Stimme : » Und die Zahlung , August ? Wieder geknöchelt gestern nacht ? Wieder gekärtelt ? Mann , Mann ! « » Ei ! seit wann hältst du denn Knöcheln und Kärteln für eine Sünde , altes Haus ! « entgegnete lachend der Invalide . » Trink und schneide kein Gesicht ! Kann ich Holz hacken mit meinem Stumpf ? Soll ich die Orgel umhängen und vor den Türen dudeln , he ? Schmählich genug , daß eine , die so tapfer dem Kalbsfell gefolgt ist , elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln muß . Aber laß das Gestöhn ! Greinen , wenn man unterm Kanonendonner gelacht ! Einen Schluck und herzhaft dreingeschaut wie sonst . Es kann ja nicht ewig Frieden bleiben . Wie lange wirds dauern , ist der Napoleon retour , und dann - - « Er verstand den kläglichen Blick , mit welchem die Marketenderin seine Rede unterbrach , fuhr aber nach kurzem Besinnen in munterster Laune also fort : » Man braucht nur einen Arm , um dreinzuhaun , Lisette . Ich habe ihrer mit der Linken losfeuern sehen , und mir ist die Rechte geblieben , die Mannesfaust . Nur erst den Napoleon retour , das Zelt aufgeschlagen , ein Pferd unter den Leib , und Stumpf und Kindsbett - bah ! wer denkt noch an die ? Pack die Lappalien zusammen und laß uns eins schwatzen . Sei wieder meine alte , brave , lustige Schwarze ! « » Du hast recht , August ; laß uns eins schwatzen , « versetzte die Frau nach einer Pause mit einem herzhaften Entschluß , indem sie erst ihr Nähzeug sorgsam verpackte , dann die Flasche entkorkte , einschenkte und nach einem kräftigen Zug das Glas dem Invaliden reichte . - » Bleib einmal heut abend bei mir zu Hause , Mann . Wir wollen uns Geschichten erzählen , wie sonst im Zelt . Aber keine von den alten , keine , die wir an den Fingern ableiern