Stifter , Adalbert Witiko www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Adalbert Stifter Witiko SEINEN LANDSLEUTEN INSBESONDERS DER ALTEN EHRWÜRDIGEN STADT PRAG WIDMET DIESEN DICHTUNGSVERSUCH AUS DER GESCHICHTE SEINES HEIMATLANDES MIT TREUER LIEBE DER VERFASSER Linz , im Christmonate 1864 Vorwort In meiner Kindheit traten mir schon öfter Spuren eines Geschlechtes entgegen , das im mittäglichen Böhmen gehaust hat und in der Erinnerung und in den Erzählungen des Volkes fortlebte . Als Jüngling ging ich diesen Spuren nach , und habe manchen Tag in den Trümmern der Stammburg dieses Geschlechtes zugebracht . Hierauf strebte das Ding sich in verschiedenen kindischen Versuchen dichterisch zu gestalten . Später fand sich , begleitet von mancher Unterbrechung und Wiederaufnahme , etwas Ernsteres zusammen , und ging in jüngster Zeit der Vollendung entgegen , welche Vollendung wieder durch ein langes Unwohlsein aufgeschoben wurde . Da gaben mir Freunde den Rat , vorerst den Beginn des Werkes vorzulegen , was hiemit geschieht . Wie weit dieses ersprießlich ist , sei einem glimpflichen Urteile anheim gestellt . Mögen die Männer der Geschichte , wenn einige aus ihnen die folgenden Blätter einer Durchsicht würdigen , nicht zu viel Unrichtiges in ihnen finden , und die Männer der Dichtung nicht zu viel Unkünstlerisches , und mögen , wenn mir Gott die Beendigung meines Unwohlseins und eine neue erhöhtere Kraft schenkt , die folgenden Bände besser gelingen als dieser erste . Linz , im Christmonate 1864 . Adalbert Stifter Erster Band 1 Es klang fast wie Gesang von Lerchen . Am oberen Laufe der Donau liegt die Stadt Passau . Der Strom war eben nur aus Schwaben und Baiern gekommen , und netzt an dieser Stadt einen der mittäglichen Ausgänge des bayerischen und böhmischen Waldes . Dieser Ausgang ist ein starkes und steiles Geklippe . Die Bischöfe von Passau haben auf ihm eine feste Burg gebaut , das Oberhaus , um gelegentlich ihren Untertanen Trotz bieten zu können . Gegen Morgen von dem Oberhause liegt ein anderer Steinbühel , auf dem ein kleines Häuslein steht , welches einst den Nonnen gehörte , und daher das Nonngütlein heißt . Zwischen beiden Bergen ist eine Schlucht , durch welche ein Wasser hervorkömmt , das von oben gesehen so schwarz wie Tinte ist . Es ist die Ilz , es kömmt von dem böhmisch-bayerischen Walde , der überall die braunen und schwarzen Wässer gegen die Donau sendet , und vereinigt sich hier mit der Donau , deren mitternächtliches Ufer es weithin mit einem dunkeln Bande säumt . Das Oberhaus und das Nonngütlein sehen gegen Mittag auf die Stadt Passau hinab , die jenseits der Donau auf einem breiten Erdrücken liegt . Weiter hinter der Stadt ist wieder ein Wasser , das aus den fernen mittäglichen Hochgebirgen kömmt . Es ist der Inn , der hier ebenfalls in die Donau geht , und sie auch an ihrer Mittagsseite mit einem Bande einfaßt , das aber eine sanftgrüne Farbe hat . Die verstärkte Donau geht nun in der Richtung zwischen Morgen und Mittag fort , und hat an ihren Gestaden , vorzüglich an ihrem mitternächtigen , starke waldige Berge , welche bis an das Wasser reichende Ausgänge des böhmischen Waldes sind . Mitternachtwärts von der Gegend , die hier angeführt worden ist , steigt das Land staffelartig gegen jenen Wald empor , der der böhmisch-bayerische genannt wird . Es besteht aus vielen Berghalden , langgestreckten Rücken , manchen tiefen Rinnen und Kesseln , und obwohl es jetzt zum größten Teile mit Wiesen , Feldern und Wohnungen bedeckt ist , so gehört es doch dem Hauptwalde an , mit dem es vielleicht vor Jahren ununterbrochen überkleidet gewesen war . Es ist , je höher hinauf , immer mehr mit den Bäumen des Waldes geziert , es ist immer mehr von dem reinen Granitwasser durchrauscht , und von klareren und kühleren Lüften durchweht , bis es im Arber , im Lusen , im Hohensteine , im Berge der drei Sessel und im Blöckensteine die höchste Stelle und den dichtesten und an mehreren Orten undurchdringlichen Waldstand erreicht . Dieser auch jetzt noch große Wald hat in seinen Niederungen vornehmlich die Buche , höher hinauf das Reich der Tanne und des ganzen Geschlechtes der Nadelhölzer , und endlich auf dem Grate der Berge auch oft holz , nicht der Berghöhe , sondern der kalten Winde wegen , die gerne und frei hier herrschen . Von der Schneide des Waldes sieht man in das Tal der Moldau hinab , welche in vielen Windungen und im moorigen Boden , der sich aus dem Walde herausgelöst hat , in die ferneren Gelände hinaus geht . Gegen sie steigt der Wald in breiten dichten Wogen ab , nimmt sie nicht selten in seine Schatten , und läßt sie wieder in Wiesen und Hutweiden hinaus . Und so geht er von ihr in vielen Wellen in mitternächtlicher gegen Morgen geneigter Richtung in das Land Böhmen hinein , bis er nach vielen Stunden , die ein Mann zu wandern hätte , mit der letzten der Wellen , die den Namen Blansko führt , an der Ebene steht , in welcher die Stadt Budweis liegt . Und wenn er in den Talrinnen und tellerartigen Ausbuchtungen auch viele Wiesen Felder und Ortschaften hat , so geht in der Mitte doch der ungeschwächte Waldwuchs von dem Blöckensteine in gerader morgenlicher Richtung über das Hochficht die Schönebene und den Schloßwald hinaus , und in ihm ist keine Lichtung und keine Wohnung . Die Richtung der Moldau ist auch gegen Morgen . Sie ist ganz in dem böhmischen Lande . Ihr Fließen ist in dem Tale des großen Waldes sehr langsam . Unterhalb des Jesuitenwaldes kömmt sie in die Kienberge , die an ihrer linken Seite stehen . Hinter