Raabe , Wilhelm Der Hungerpastor www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Der Hungerpastor Nicht mitzuhassen , mitzulieben bin ich da . Sophokles Erstes Kapitel Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln , von dem , was er bedeutet , was er will und was er vermag . Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu , Zerstörer und Erhalter in einer Person ist , kann ich freilich nicht auseinandersetzen , denn das ist die Sache der Geschichte ; aber schildern kann ich , wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird bis an der Welt Ende . Dem Hunger , der heiligen Macht des echten , wahren Hungers widme ich diese Blätter , und sie gehören ihm auch von Rechts wegen , was am Schluß hoffentlich vollkommen klargeworden sein wird . Mit letzterer Versicherung bin ich einer weiteren Vorrede , welche zur Gemütlichkeit , Erregung und Aufregung des Lesers doch nur das wenigste beitragen würde , überhoben und beginne meine Geschichte mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen Mitwelt und Nachwelt als auch gegen mich selber und alle mir im Lauf der Erzählung vorübergleitenden Schattenbilder des großen Entstehens , Seins und Vergehens - des unendlichen Werdens , welches man Weltentwicklung nennt , welches freilich ein wenig interessanter und reicher als dieses Buch ist , das aber auch nicht wie dieses Buch in drei Teilen zu einem befriedigenden Abschluß kommen muß . » Da haben wir den Jungen ! Da haben wir ihn endlich - endlich ! « rief der Vater meines Helden und tat einen langen , erleichternden Atemzug , wie ein Mann , der langes , vergebliches Sehnen , schwere Arbeit , viele Mühen und Sorgen getragen hat und endlich glücklich zu einem glücklichen Ziel gekommen ist . Mit klugen , glänzenden Augen sah er herab auf das unansehnliche , kümmerliche Stück Menschentum , welches ihm die Wehemutter in die Arme gelegt hatte , grad als die Feierabendglocke erklang . Eine Träne stahl sich über die hagere Wange des Mannes ; und die scharfe , spitze , kluge väterliche Nase senkte sich immer tiefer gegen das unbedeutende , kaum erkennbare Näschen des Neugeborenen , bis sie plötzlich mit einem Ruck wieder emporfuhr und sich ängstlich fragend gegen die gute , hülfreiche Frau , die soviel zu seinem Entzücken beigetragen hatte , richtete . » O Frau Gevatterin - Gevatterin Tiebus , es ist doch wirklich , wirklich einer ? Sagt ' s noch einmal , daß Ihr Euch nicht irrt - daß dem wirklich , wirklich also ist ! « Die Wehemutter , die bis jetzt mit selbstbewußtem , lächelndem Kopfnicken der ersten zärtlichen Begrüßung zwischen Vater und Sohn zugesehen hatte , hob nun ebenfalls ihre Nase sehr ruckartig , verscheuchte mit einer unnachahmlichen Bewegung beider Arme alle Geister und Geisterchen des Wohlwollens und der Zufriedenheit , von welchen sie bis jetzt umflattert wurde , stemmte die Fäuste in die Seite , und mit Hohn , Verachtung und beleidigtem Selbstgefühl sprach sie : » Meister Unwirrsch , Ihr seid ein Narr ! Laßt Euch an die Wand malen ! ... Ob es einer ist ? - Hat die Welt je so was gehört von solchem alten , verständigen Menschen und Hausvater ? ... Ob es einer ist ! ? Meister Unwirrsch , ich glaube , nächstens verlernt Ihr noch , einen Stiefel von einem Schuh zu unterscheiden . Da sieht man ' s recht , was für ein Leiden es ist , wenn die Gottesgabe so spät kommt . Ist das kein Junge , den Ihr da haltet ? Ist das wirklich kein Junge , kein richtiger , echter Junge ? Jesus , wenn die alte Kreatur nicht das arme Geschöpf in den Armen hielte , so möchte ich ihr schon eine Tachtel um solch ' ne nichtsnutzige , fürwitzige Frage stechen ! Kein Junge ! ? Wohl ist es ein Junge , Gevatter Pechdraht - zwaren keiner von die schwersten ; aber doch ' n Junge wie was ! Und wieso ist ' s kein Junge ? Ist nicht der Buohnohparteh , der Napohlion , wieder unterwegens übers Wasser , und gibt ' s nicht Krieg und Katzbalgerei zwischen heut und morgen , und braucht man etwan keine Jungen , und werden nicht etwan in jetziger gesegneter und geschlagener Zeit mehr Jungen als Mädchen drum in die Welt gesetzt , und kommen nicht auf ein Mädchen drei Jungen , und kommt Ihr mir so , Gevatter , und wollt einer gewickelten und gewiegten Perschon nichtswürdige Fragen stellen ? Laßt Euch an die Wand malen , Gevatter Unwirrsch , und drunter schreiben , wofür ich Euch halte . Gebt her den Jungen ; Ihr seid gar nicht wert , daß er sich mit Euch abgibt - marsch fort mit Euch zu Eurer Frau - am Ende fragt Ihr die auch , noch , ob ' s - ein - Junge - ist ! « Unsanft wurde das Wickelkind aus den Armen des verachteten , niedergeschmetterten Vaters gerissen , und nach abermaligem Atemholen humpelte der Meister Anton Unwirrsch in die Kammer zu seiner Frau , und die Glocken des Feierabends läuteten immer noch ; wir aber wollen weder die beiden Ehegatten noch die Glocken stören - sie sollen ihre Gefühle ausklingen lassen , und niemand soll dreinreden und -schreien dürfen . - Arme Leute und reiche Leute leben auf verschiedene Art in dieser Welt : aber wenn die Sonne des Glücks in ihre Hütten , Häuser oder Paläste fällt , so vergoldet sie mit ganz dem nämlichen Schein die hölzerne Bank wie den Sammetsessel , die getünchte Wand wie die vergoldete ; und mehr als ein philosophischer Schlaukopf will bemerkt haben