Raabe , Wilhelm Die Leute aus dem Walde , ihre Sterne , Wege und Schicksale www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Die Leute aus dem Walde , ihre Sterne , Wege und Schicksale Ein Roman Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den andern . Sprüche Salomonis , 27. Kap . 17. V. Erstes Kapitel Die hohe Polizei nimmt ein Protokoll auf Auch der unschuldigste , solideste Staatsbürger , der Mann des feuerfestesten Geldschrankes , der Mann des besten Gewissens , der zugeknöpfteste , strammste , schnauzbärtigste alte Herr vermag nicht , sich eines leisen Schauders zu erwehren , wenn er an dem Zentralpolizeihause vorüberwandelt . Man kann nicht wissen - es geht wunderlich zu im Leben - das Schicksal spielt oft eigen mit dem Menschen ! - wer kann für die nächste Stunde und ihre Tücken gutstehen ? - Man hat im Vorbeischreiten ein Gefühl , als sei es höchst angebracht , wenn man den Rockkragen in die Höhe klappe ; man zieht unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern : das liegt einmal im deutschen Blut , der Herr erlöse uns von dem Übel . Und der Novemberregen kam herunter , als habe der Himmel den Schnupfen und lasse alles laufen . Es kamen auch sehr viele Leute herunter , und zwar sehr hart ; denn der Regen verwandelte sich , sowie er den Erdboden berührte , in Glatteis , und weder Mann noch Weib war vor dem Fall sicher . Sehr viel guter Humor löste sich in mürrisches Hinbrüten und ärgerliches Gebrumm auf . Die Unliebenswürdigen waren an diesem ungesegneten Tage noch einmal so unliebenswürdig als gewöhnlich . Das Wetter war wie ein Probierstein , auf welchem jede Anlage zur Liebenswürdigkeit geprüft und abgezogen wurde . Haustyrannen schlugen ihre Frauen körperlich und moralisch , Haustyranninnen explodierten bei der geringsten Reibung wie Orsinische Bomben und konnten ein ganzes Hauswesen mit Verwirrung und Verwüstung erfüllen . Auch die lieben Kleinen , das hoffnungsvolle Geschlecht einer edleren Zukunft , waren heute unartiger als sonst ; sie bekamen mehr Püffe und Ohrfeigen und öfter die Rute als an andern , helleren , freundlicheren Tagen . Wehe der dienenden Jungfrau , die heut den irdenen Topf , den tönernen Napf zur Erde fallen ließ ! Wehe , dreimal Wehe über alle die Unglücklichen , die bei solcher Witterung , wie auch ihr Stand und ihre Stellung sein mochten , von andern abhängig waren ! Jedermann war in der Stimmung , seinen Nebenmenschen und Mitkreuzträgern das Leben und das zu tragende Kreuz so schwer und scharfkantig wie möglich zu machen , ohne meistenteils im Grunde eine andere stichhaltende Entschuldigung für seine Kratzbürstigkeit zu haben als » dieses grenzenlos niederträchtige Wetter « . Wir wollen bei so bewandten Umständen den tellurischen und kosmischen Erscheinungen des Tages , aller dieser meteorologischen Bosheit gar nicht die Ehre antun , sie näher zu beschreiben . Selbst das Zentralpolizeihaus ist jetzt ein anmutigerer Aufenthaltsort als Straße und Markt . Flüchten wir uns mit aufgespanntem Regenschirm hinein ; in Nummer Sicher sind wir hier jedenfalls . Lange trostlose Gänge , Türen , die in dunkle Zimmer voll geheimnisvoller Akten und dumpfen unheimlichen Gesumms führen ; kahle Höfe , auf welchen sich Polizeibeamte umhertreiben und auf welchen niemals ein Kind im Sande gespielt , Festungen gebaut und Pasteten gebacken hat ! In den Gängen Beamte mit bunten Rockkragen und Aktenbündeln ; hinter den schwarzen Türen Beamte , die mit knarrender Stahlfeder und giftiggrüner Alizarindinte die Sündenregister der Menschheit ausfüllen und , wenn sie sich harmlos beschäftigen , Pässe und Wanderbücher revidieren und unglückliche Handwerksburschen in ihrem Selbstgefühl durch überwältigende Grobheit kränken ! Exekutoren mit Verhaftsbefehlen für säumige Schuldner ; grimmige Gläubiger mit Pfändungsgesuchen - einmal in einem der langen Gänge Kettengeklirr und ein übelgekleidetes , übelduftendes Subjekt , welches zwischen zwei Bewaffneten einherschwankt - über allem ein unbeschreibliches beängstigendes Etwas , ein Hauch aus Niflheim , dem Reich der Toten , der Verlorenen : das ist das Zentralpolizeihaus ! Im Büro Nummer dreizehn unterhielten sich drei Personen damit , die Lebensgeschichte eines Vierten anzuhören . Die Zuhörer waren der Polizeirat Tröster , der Polizeischreiber Fiebiger und der Hauptmann a.D. Konrad von Faber , ein stattlicher Mann mit gebräuntem Gesicht , welcher es sich auf der Armensünderbank an der Tür bequem machte und die Füße weit in das Gemach hineinstreckte . Der arme Sünder selbst aber stand in der Mitte des Zimmers und erzählte . Sein Bericht füllte grade die dämmerige Stunde aus , welche dem Lichtanzünden voraufgeht . Inkulpat Robert Wolf war angeschuldigt worden , in der Wohnung einer Dame großen Unfug angerichtet zu haben durch Zertrümmerung von Gerätschaften und Ausstoßung wilder Reden und Drohungen . Beim ersten Verhör hatte er alle Auskunft über sich verweigert ; man hatte ihn eingesperrt und jetzt nach einigen Tagen enger Haft wieder hervorgeholt in der Hoffnung , den jungen Missetäter und Hausfriedensbrecher in einer zerknirschteren , weicheren Stimmung zu finden . Man täuschte sich darin auch nicht . Dunkelheit und Langeweile hatten in der gewünschten Weise auf das Gemüt des Angeschuldigten eingewirkt ; ohne alles Zögern gab er alle mögliche Auskunft über seine Verhältnisse . Der Protokollführer Fiebiger hinter seinem hohen Pult hatte bereits niedergeschrieben , daß Rubrikat Robert Wilhelm Wolf heiße , daß er achtzehn Jahre alt und auf der Forsthütte Eulenbruch , Dorfbezirk Poppenhagen , im Winzelwalde , Provinz * * , geboren sei . Wir lassen das weitere Verhör folgen . » Also der Sohn des weiland Forstaufsehers Wolf auf dem Eulenbruch ! « sagte der Polizeirat , recht wohlwollend auf seine Dose klopfend . » Ja ! « antwortete der junge Mensch mit mürrischer , halb gleichgültiger Stimme und ganz kurz . » Auf dem