Raabe , Wilhelm Die Chronik der Sperlingsgasse www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Raabe Die Chronik der Sperlingsgasse Am 15. November Es ist eigentlich eine böse Zeit ! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt , Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil . Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges , und über die Nähe haben Krankheit , Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt ; - es ist eine böse Zeit ! Dazu ist ' s Herbst , trauriger melancholischer Herbst , und ein feiner , kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die große Stadt ; - es ist eine böse Zeit ! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen , und wenn sich zwei Bekannte begegnen , zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorüber ; - es ist eine böse Zeit ! - Mißmutig hatte ich die Zeitung weggeworfen , mir eine frische Pfeife gestopft , ein Buch herangenommen und aufgeschlagen , Es war ein einfaches altes Buch , in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hübsche Bilder gezeichnet hatte : Asmus omnia sua secum portans , der prächtige Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius , weiland homme de lettres zu Wandsbeck , und recht ein Tag war ' s , darin zu blättern . Der Regen , das Brummen und Poltern des Feuers im Ofen , der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wänden - alles trug dazu bei , mich die Welt da draußen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und Gemüt auf den Blättern vor mir zu versenken . Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf : Sieh ! - Da ist der herbstliche Garten zu Wandsbeck . Es ist ebenso nebelig und trübe wie heute ; leise sinken die gelben Blätter zur Erde , als bräche eine unsichtbare Hand sie ab , eins nach dem andern . Wer kommt da den Gang herauf im geblümten bunten Schlafrock , die weiße Zipfelmütze über dem Ohr ? - Er ist ' s - Matthias Claudius , der wackere Asmus selbst ! - Bedächtiglich schreitet er einher , von Zeit zu Zeit stehenbleibend ; jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geäder desselben betrachtend ; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend . Er scheint in Gedanken versunken zu sein . Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hein , an den Invaliden Görgel mit der Pudelmütze und dem neuen Stelzbein , denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi ? Wer weiß ! - Sieh ! Wieder bleibt er stehen . Was fällt ihm ein ! ? Lustig wirft er die weiße Zipfelmütze in die Luft und tut einen kleinen Sprung : ein großer Gedanke ist ihm » aufs Herz geschossen « - das große neue Fest der Herbstling ist erfunden der Herbstling , so anmutig zu feiern , wenn der erste Schnee fällt , mit Kinderjubel und Bratäpfeln und Lächeln auf den Gesichtern von jung und alt ! - Wenn der erste Schnee fällt - - - wie ich in diesem Augenblick wieder einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe , da - kommt er herunter - wirklich herunter , der erste Schnee ! Schnee ! Schnee ! Der erste Schnee ! - In großen wäßrigen Flocken , dem Regen untermischt , schlägt er an die Scheiben , grüßend wie ein alter Bekannter , der aus weiter Ferne nach langer Abwesenheit zurückkommt . Schnell springe ich auf und ans Fenster . Welche Veränderung da draußen ! Die Leute , die eben noch mürrisch und unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen , sehen jetzt ganz anders aus . Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme auf alle Weise zu schützen , dem Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu . Der erste Schnee ! Der erste Schnee ! An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter , kleine Händchen klatschen fröhlich zusammen : welche Gedanken an weiße Dächer und grüne , funkelnde Tannenbäume ! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden , weißen Gestöber aussieht ! Wie die wasserholenden Dienstmädchen am Brunnen kichern ! Der fatale Wind ! - » Gehorsamster Diener , Herr Professor Niepeguck ! Auch im ersten Schnee ? « » Ärztliche Verordnung ! « brummt der Weise und lächelt herauf zu mir , so gut es Würde und Hypochondrie erlauben . Auf der Sophienkirche schlägt ' s jetzt ! - Erst vier ? Und schon fast Nacht ! - » Vier ! « wiederholen die Glocken dumpf über die ganze Stadt . Jetzt sind die Schulen zu Ende ! Hurra - hinaus in den beginnenden Winter : die Buben wild und unbändig , die Mädchen ängstlich und trippelnd , dicht sich an den Häuserwänden hinwindend . Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf , immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse . Da kommt der Lehrer selbst , seine Bücher unter dem Arm ; aufmerksam betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen Rockärmel . Jetzt ist die Zeit für einen Märchenerzähler , für einen Dichter . - Ganz aufgeregt schritt ich hin und her ; vergessen war die böse Zeit ; - auch mir war , wie weiland dem ehrlichen Matthias , ein großer Gedanke » aufs Herz geschossen « . » Ich führe ihn aus , ich führe ihn aus ! « brummte ich vor mich hin , während ich auf und ab lief , wie verwundert mich auch alle meine Quartanten und Folianten von den Büchergestellen anglotzten , wie spöttisch auch das Allongeperückengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen