Kurz , Hermann Der Sonnenwirt www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Hermann Kurz Der Sonnenwirt Eine Schwäbische Volksgeschichte Erster Teil 1 » Nun , Meister Schwan , für diesmal ist Er christlich durchgekommen , straf mich Gott ! Ohne Willkomm und Abschied ! Herr Gott von Dinkelsbühl , tut mir fast leid , daß ich Ihm nicht ein paar aus dem ff auf Sein gesundes Leder aufmessen darf , aus purer Freundschaft . Und dazu bloß ein halb Jahr ! Aber ich hoff , so ein heißgrätiger Bursch wie Er wird bald wieder das Heimweh nach unserer lustigen Kartaus bekommen . Aufs Frühjahr spätestens , wenn die Bäum ausschlagen , werden wir wieder die Ehre haben . Ich will derweil ein paar tüchtige Haselstöcke ins Wasser legen , damit sie den gehörigen Schwung und Zug kriegen zum Willkomm , wenn ' s heißen wird : des Ebersbacher Sonnen wirts sein Gutedel ist wieder da . Adjes , Meister Schwan , glückliche Reise und nichts für ungut . « Es war unter dem Tore des Ludwigsburger Zucht-und Arbeitshauses , wo einer der Aufseher einem jungen Menschen dieses spöttische Lebewohl sagte . Dem untersetzten stämmigen Burschen konnte niemand im Ernste den Meistertitel geben , denn er schien kaum zwanzig Jahre alt zu sein . Auch sah er sehr sauer zu der Ehrenbezeigung , die nicht gerade aus wohlwollendem Herzen kam ; sein breites rotwangiges Gesicht spannte sich zu einem trotzigen Ausdruck , den eine tiefe Schramme auf der Stirne noch erhöhte . Er hielt die Augen , wie aus Verachtung , zu Boden geheftet , aber dann und wann schoß er seitwärts einen Blick hervor , der wie ein bloßes Messer funkelte . Der Aufseher gab ihm statt des » Abschieds « , den er ihm gerne zugedacht hätte , einen derben Schlag auf die Schulter und ging lachend hinweg . Der entlassene Sträfling ballte die Faust und sah ihm mit ingrimmigen Blicken nach . Eben wollte er mit einer Gebärde , welche ein nichts weniger als anständiges , aber um so aufrichtigeres Gesinnungsbekenntnis enthielt , dem Zuchthause den Rücken kehren , als er , noch einmal umschauend , einen Gegenstand gewahrte , der den Haß auf seinem derben lebhaften Gesichte plötzlich in das entschiedenste Widerspiel verwandelte . Es war ein Greis , der in der Gebrechlichkeit des Alters an einem Stabe über den Hof gegangen kam ; er trug schwarze Kleidung , und die beiden weißen Überschlägchen , die ihm von der Halsbinde herabhängend auf der Brust spielten , bezeichneten seinen geistlichen Stand . Seine Erscheinung machte einen sichtlichen Eindruck auf alle Begegnenden ; die ausgelassensten Züchtlinge verstummten , als er im Vorübergehen einen Blick auf ihre Arbeiten warf ; der rohe Aufseher wich ihm von weitem aus . Jedem bot er seinen zuvorkommenden Gruß ; er war immer der erste , der das schwarze Käppchen über den spärlichen weißen Haaren lüpfte , und doch sollte es ihm offenbar dazu dienen , sein greises Haupt vor der Herbstluft zu schützen ; denn neben dem Käppchen trug er den dreieckigen Hut unter dem Arm . Der junge Mensch war unter dem Tore des Zuchthauses stehengeblieben . In seinen Mienen zuckte es wie Gewitter und Regenschauer ; aber zum Weinen schienen diese Züge zu derb . Unwillkürlich bewegte er den Fuß , um dem alten Geistlichen entgegenzulaufen ; er besann sich jedoch wieder und blieb schüchtern stehen . Als jener näher kam , zog er die Mütze und trat ihn mit einer linkischen Verbeugung an . Man konnte denken , wenn er ein Hund gewesen wäre , so wäre er mit freudigem Winseln an ihm emporgesprungen und hätte ihm Gesicht und Hände geleckt . So aber war er ein Wesen , um das der Zuchthausaufseher schwerlich seinen Pudel hergegeben hätte , ein entlassener Sträfling , ein unbändiger Mensch , voll Trotz und Roheit ; und doch regte sich in seinem Herzen etwas , das wir auch in den winselnden Tieren ahnen und das die Bibel mit den Worten bezeichnet : das Seufzen der Kreatur . » Mit Verlaub ! « stammelte er , - » ich wollte nur dem Herrn Waisenpfarrer Adieu sagen , weil der Herr Waisenpfarrer immer so gut gegen mich gewesen ist - ich hätt ja nicht fortgehen können ohne das . « Der Waisenpfarrer - denn dieser war es , dem die Seelsorge im Zuchthause oblag - neigte sich mit freundlichem Lächeln zu ihm . Er hatte aus den verlegenen , halb verschluckten Worten des sonst sehr anstelligen Burschen den rechten Kern herausgehört . » So ist Er denn also jetzt frei , Friedrich ? « sagte er zu ihm . » Ich wünsch Ihm von Herzen Glück . Nun gebrauche Er aber auch seine Freiheit so , wie man eine Gottesgabe gebrauchen muß . « » Ich versteh schon , Herr Waisenpfarrer ! « erwiderte der Jüngling , der mit der ersten Anrede seine Beengung weggesprochen und sich in einen Ton bescheidener Zutraulichkeit hineingefunden hatte . » Ich versteh schon . Das ist wie mit dem Wein . Der ist auch eine Gottesgabe . Wenn man aber solche Gottesgabe zu hart strapaziert , so wirft sie den Menschen hin , daß er gleichsam wie vierfüßig wird . Dagegen , wenn man sie mit Maß genießt , so erfreut sie das Herz und macht helle Gedanken im Kopf . Grade so ist ' s auch mit der Freiheit . Wenn man von der über Durst trinkt , so kann sie einen auch wohin werfen , wo zum Beispiel keine Freiheit mehr ist . « Bei diesen Worten wies er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Gebäude , das er soeben verlassen hatte , und seine