Aston , Louise Revolution und Contrerevolution www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise Aston Revolution und Contrerevolution Vorrede Die folgenden Blätter führen dem Leser Skizzen aus dem Revolutionsdrama des Jahres 1848 vor . Ich übergebe sie der Oeffentlichkeit , weil dadurch vielleicht hie und da eine kleine Lücke in dem Intriguennetz der Contrerevolution ausgefüllt wird , die es selbst manchem Politiker von Profession unmöglich machte , den rothen Faden , der sich durch das scheinbare Gewirre der revolutionairen und reactionairen Bewegungen unsrer Zeit hinzieht , überall zu folgen . In Rücksicht auf die poetische Darstellung mag statt jeder Entschuldigung für deren Mangelhaftigkeit daran erinnert werden , daß es leicht ist , Romane zu schreiben , wenn der Zeitgeist vor Langerweile den Griffel aus der Hand fallen läßt , mit dem er die Tafeln der Weltgeschichte beschreibt , - sehr schwer aber , wenn er , in den Strudel der gewaltigen Thaten hineingerissen , die Geschichte selber aber in ein romantisches , oft sogar märchenhaftes Gewand zu kleiden gezwungen wird . Je märchenhafter unser heutiges politisches Leben ist , desto weniger bedarf die Darstellung desselben einer Ausschmückung . Ein Vortheil für meinen Leser , wie für mich selbst . Bremen , den 1. Juni . Die Verfasserin . Erstes Buch I Ein milder und sonnenheller Frühlingshimmel blickte zum ersten Male wieder nach dem an Stürmen mancherlei Art so reichen , unfreundlichen Februarmonat auf die Kaiserstadt Wien nieder und lockte Jung und Alt vor die Thore hinaus in die langen , schnurgeraden Alleen , welche die breiten Plätze und Anlagen zwischen der inneren Stadt und den Vorstädten durchschneiden . Es war der fünfte März 1848 . Wer hätte es - nach der unbefangenen und sorglosen Miene dieser rasch durch einander wandelnden Gruppen von Spaziergängern , damals zu schließen gewagt , daß Wien , berühmt durch seine ans Patriarchenthum erinnernde Pietät , mit der es an dem Kaiserhause hing , auf einem Krater der Revolution stand , der in wenig Tagen seinen Schlund öffnen werde , um das Kaiserhaus nebst Pietät , und anderen Sentimentalitäten - fast zu verschlingen . Fast - dieses » Fast « ist der Fluch unsrer Zeit , das Haar , an dem der Teufel der Reaktion das betrogene Volk festhält , um es bald wieder ganz beim Schopf zu fassen und in das alte Joch der Knechtschaft zu spannen . - Auch in Preußen ist ein solches unseliges » Fast « die Mutter einer eklatanten Contrerevolution geworden . - Doch am fünften März waren die guten Wiener freilich noch nicht so klug , denn sie wußten noch gar nicht , was eine Revolution zu bedeuten habe . Vielleicht thue ich jedoch den gemüthlichen Wienern Unrecht ; vielleicht gab es doch Manche unter ihnen , die den im Westen ausgebrochenen Sturm mit ungeheurer Eile seinen Weg nach Osten fortsetzen sahen , und sogar die Minute berechneten , in der er die schöne Kaiserstadt erreicht haben würde . Unter den Spaziergängern , welche die den Exerzierplatz durchschneidende jetzt noch blätterlose Allee hinabschritten , würde des Lesers Aufmerksamkeit besonders von einer Gruppe erregt worden sein , die ich deßhalb , weil das von ihnen geführte Gespräch zum Verständniß unsrer Erzählung nothwendig ist , kurz skizziren will . Sie bestand aus drei Personen , die eine davon , - dem runden , breitkrämpigen Hut , so wie der schwarzen , eigenthümlich geschnittenen Kleidung nach zu urtheilen , ein katholischer Priester - war ein Mann von etwa vierzig und einigen Jahren . Aus seinem magern , aber starkknochigen und bleichen Gesicht , dessen Muskeln selbst beim Sprechen in unveränderter Ruhe blieben , traten als Hauptzüge vorzüglich eine große Entschiedenheit neben eben so großer Besonnenheit hervor . Das Haar , welches unter der breiten Krämpe seines schwarzen Rundhutes schlicht herabfiel , war schwarz und von großer Feinheit . Der Schnitt seiner edelgeformten Nase ließ auf eine sehr ernste Stirn schließen , die jetzt großentheils ebenfalls vom Hute überschattet wurde . Am charakteristischsten aber waren die tiefliegenden schwarzen Augen , in denen sich eine fast unnatürliche Mischung von Leidenschaft und Kälte , Schärfe und Sanftheit , List und Gutmüthigkeit abspiegelten . Fügen wir noch hinzu , daß der Mann , wir wollen ihn Pater Angelicus nennen , beim Gehen eine etwas gebückte Haltung hatte , so weiß der Leser von dem äußern Erscheinen desselben , - und weiter wissen wir jetzt selbst nichts von ihm - genug . Die beiden Begleiterinnen des frommen Herru zeigten dem Anscheine nach ein sehr verschiedenes Interesse an dem Gespräch . Denn während die Aeltere - eine junge Frau von etwa 27-30 Jahren - mit gespannter Aufmerksamkeit den mit einer absichtlich tonlos gehaltenen Stimme gesprochenen Worten lauschte , schritt ihre jüngere Begleiterin mit theilnahmloser Miene und , ob aus Zerstreutheit oder Gleichgültigkeit , war schwer zu entscheiden , zu Boden geschlagenen Augen neben ihnen her . Ueberhaupt war nicht leicht ein größerer Unterschied zwischen zwei Freundinnen zu finden . Beide hatten ein schönes dunkelbraunes Haar und tiefblaue Augen , aber das Haar Alicens umschattete mit seinen tausend wallenden Löckchen eine erhabene , freie Stirn , während das ihrer Freundin Lydia glatt und gescheitelt die Schläfe bedeckte . Beide waren von anziehender Schönheit , aber wie verschieden war der Typus der Schönheit Alicens von der Lydias . Jene leuchtend , intelligent , fast ritterlich stolz um sich blickend - : der Charakter eines seines eigenen Werthes bewußten und in diesem Bewußtsein starken Weibes ; diese verschleiert , in sich zurückgezogen , von beinahe melancholischer Bescheidenheit - der Charakter eines nur in seiner innern - vielleicht vereinsamten - Welt hinein lebenden Mädchens . - Und doch umschlang diese beiden Frauen ein Band unzerstörbarer Freundschaft , geknüpft durch gemeinsame Erfahrungen ,