Aston , Louise Aus dem Leben einer Frau www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Louise Aston Aus dem Leben einer Frau Vorwort Das Leben ist fragmentarisch ; die Kunst soll ein Ganzes schaffen ! Diese Blätter gehören in Dichtung und Wahrheit dem Leben an , und machen nicht Anspruch auf künstlerischen Werth ! Darum sind sie fragmentarisch , wie diese ganze moderne Welt , aus deren gährenden Elementen sie hervorgegangen , ein Beitrag zur Charakteristik unseres Lebens ! Wer den reichen Zauber der Gestaltung besitzt , und die Idee zu bannen versteht in ewige Formen : der wird nach Maß und Regeln der Schönheit , auch dies zersplitterte , moderne Leben zu einem harmonischen Kunstwerk zusammenfassen , ihm dauernde Bedeutung geben und sich selbst mit ihm unsterblich machen ! Wir andern aber können nur einzelne Blätter , vielleicht Früchte von den Lebensbäumen dieser Zeit pflücken ! Wir schreiben flüchtige Zeilen ; aber wir schreiben sie mit unserem Herzblut ! Findet dies Fragment Anklang , hat der Kern dieses Lebens und sein Schicksal eine allgemeine Bedeutung : so schließt sich vielleicht ein zweites Fragment daran , das manche Entwicklungen weiter führt , und manche » confessions « vollendet . Hamburg , im März 1847 . Louise Aston . 1 Eine alterthümliche Pfarrerwohnung gilt von jeher für das heimathliche Reich der Idylle . Hier quartiert , seit Vossens Louise , die gemüthliche Phantasie der Dichter ihre behaglichen Gestalten ein , welche in dem Comfort eines stillen , in sich befriedigten Lebens das letzte Ziel und den ganzen Werth der Existenz zu erschöpfen wähnen . Etwas Lindenschatten und Abendroth , Mittagessen und Gebet , eine Promenade durch die Kornfelder , die Bereitung des Kaffees und wenn es hoch kommt , eines Hochzeitbettes - das genügt dieser friedlichen Poesie , welche die breite Prosa des Lebens in ihre langathmigen Verse übersetzt . Doch der idyllische Kuhreigen hat in unserer Litteratur ausgetönt , da die Beschränktheit solcher Existenzen auch nicht auf Natur und Wahrheit Anspruch machen kann ; sondern mit Recht als ein affectirtes Ignoriren des Lebens in der Welt und ihrer Geschichte angesehen wird , das Utopien einer spießbürgerlichen Phantasie . Diese Genrebilder ohne Perspective und Hintergrund finden kein Publikum mehr ; denn sie sind poetische Grillen , welche der Wirklichkeit fern liegen . Selbst in das abgeschlossenste Pfarrhaus hinein dringt das Leben mit seinen Beziehungen und Gegensätzen , mit seiner Noth und Bedeutsamkeit ; dringt der Zeitgeist mit seinen Kämpfen und seinen Zielen . In eine solche Pfarrwohnung , die nur äußerlich den idyllischen Frieden zur Schau trägt , während in ihrem Innern das moderne Leben seine socialen Schlachten schlägt , versetzen wir jetzt die Phantasie unserer Leser . Die ersten Strahlen der Maiensonne drangen verstohlen durch zwei kleine , runde Schiebfenster , über welche dichtbelaubte Kastanienbäume die ehrwürdigen Schatten warfen , in ein traulich enges Gemach , und beleuchteten hier eine eigenthümliche Scene . Auf einem altmodischen mit großblumigen Kattun überzogenen Sopha saß ein Greis mit finstern , unheimlichen Zügen . Die kleinen , grauen Augen , der stechende Blick kontrastirten unangenehm mit dem silberweißen Haar , und störten den Eindruck des ehrwürdigen Alters . Vor diesem Greise knieete ein liebliches Mädchen von siebenzehn Jahren . Lichtbraune Locken fielen noch ungeregelt auf den weißen Hals und Nacken nieder , und gaben dem zarten Oval des Angesichts eine süße , träumerische Färbung . Die großen blauen Augen sahen in tiefem Schmerz zu dem Greis empor , während ihre Hände krampfhaft gefaltet auf dem Busen ruhten , als wollten sie den heftigen Schlag des Herzens hemmen . Die ganze Erscheinung des Mädchens hatte etwas Rührendes ; denn ihre Züge waren von jener eigenthümlichen Schönheit , deren Reiz durch den Ausdruck des Schmerzes erhöht wird , denen der Menschenkenner schon im Voraus prophezeiht , daß sie einst den Stempel tiefen Leidens tragen werden . - Die Einrichtung des Gemachs entsprach dem Sinn der Bewohnerinn . Sie war einfach und klar , und entbehrte aller unnützen Zierrathen , mit denen sich sonst die Eitelkeit der Damen zu umgeben pflegt . Ein blankgebohnter Nußbaumtisch , drei geflochtene kleine Rohrsessel , ein Spiegel in Duodezform bildeten mit dem Sopha das ganze Meublement . In einer Ecke lehnte eine Harfe , mit einem halbverwelkten Immortellenkranz geschmückt , während auf dem niedrigen Fenstergesimse wie zum Hohn für das abgestorbene Bild der Unsterblichkeit üppig blühende Geranien und Rosen prangten . Die Wände des Zimmers waren blendend weiß , nur hin und wieder mit schwarzen Kreidezeichnungen dekorirt , denen Nußbaumholz zum rohen Rahmen diente , wahrscheinlich Reminiscenzen aus der frühesten Jugend des Mädchens . Mitten in dieser Einfachheit that es dem Auge fast weh , auf dem Roccoco-Tisch Gegenstände des feinsten Luxus zu finden . In chaotischer Unordnung lagen die kostbarsten Preciosen umher . Ein elegantes , rothes Saffian-Etui ließ einen prachtvollen Rubinschmuck hervorschimmern ; Blonden und Kanten blickten neugierig aus ihren halbgeöffneten Kartons zu einem Atlas-Kleid hinüber , das über der Sophalehne hing , gleich als ob sie sich sehnten , an dem schweren , weißen Gewand als blendender Schmuck zu prangen . » Es ist fest und unwiderruflich , Johanna , « sprach der Greis mit heiserer Stimme ; » heute wirst Du die Gattin des Herrn Oburn . Ich habe mein Wort gegeben ; ich halte mein Wort . Der Mann ist reich , sehr reich ; Du wirst ein glänzendes , vielfach beneidetes Leben führen , da vergißt sich rasch die sentimentale Jugendliebe , das Spiel einer müssigen Phantasie , das vor dem Ernst des Lebens verschwinden muß . Du wirst es mir später Dank wissen , daß ich Dein Geschick gewählt . « » Mir schaudert , Vater , « entgegnete das Mädchen , »