Hahn-Hahn , Ida Gräfin von Sibylle www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ida Gräfin Hahn-Hahn Sibylle Eine Selbstbiographie Erster Band An Fürst Fritz Schwarzenberg Ihnen , mein lieber Fritz , dies traurige Buch ? - Ja , grade Ihnen ! Sie können es aushalten , Sie trift es nicht : Sie haben ein Herz . Hat man das , so giebt es freilich nichts desto weniger Zeiten in denen man dunkle , zweifelnde , verachtende Blicke in das Gewirr des Menschenlebens und auf das lähmende Schauspiel eigener und fremder Schwäche wirft ; aber mit der dem Herzen eigenen Schwungkraft schnellt man den wüsten Ballast von Staub , Moder und Verwelklichkeit fort , gedenkt ihrer als melancholischer Warnung , und fühlt deshalb den goldenen heiligen Faden nicht abgerissen , der unser kleines Wesen an das große , lichte , liebende , ewige Wesen des Alls knüpft . Das Herz ist an sich selbst eine Sonne , die Licht und Wärme , die Leben giebt . Fehlt sie , so herrschen Chaos und Tod , und der Mensch , der dieser Finsterniß anheimfällt , ist unselig , und ich glaube es giebt manche solcher Unseligen in unsrer Welt , die so klug und so kalt ist . Darum , lieber Fritz , wende ich mich recht zu meiner Erquickung in Gedanken an Ihr gutes rasches warmes Herz , und ohne zu erwarten daß Sie als ächter und rechter Lanzknecht die Lanze für meine Ueberzeugungen und Meinungen - welche nicht immer die Ihren sein mögen - einlegen müßten , weiß ich doch daß Sie mir herzlich die Hand schütteln und sagen werden : In der Hauptsache denken wir überein ! - Dresden , den 26. April 1846 . Ida Hahn-Hahn . Wir Alle haben sie gekannt . Sie wohnte zwischen uns , sie lebte mit uns . Bemerkt mögen nur Wenige sie haben , doch jezt , da sie todt ist , werden Manche sich ihrer erinnern . Die Welt ist wie ein Meer : Jeder hat so viel damit zu thun das Schiff seines Lebens durch Klippen und Stürme zu bringen , daß er weder Zeit noch Ruhe noch Theilnahme genug übrig hat , um sie den fremden Lebensschiffen zuzuwenden ; höchstens aus Neugier sieht er einmal flüchtig hin . Kommen aber Trümmer daher geschwommen - starrt aber von einer Sandbank ein gestrandetes Wrack schwarz und formlos empor - tauchen aber aus den Wellen Gegenstände auf , die ein untergegangenes Dasein verrathen : dann fährt man auf , das Interesse erwacht , man mögte wissen welch Schiff hier von den Wogen verschlungen ward , ob es dieses war , ob es jenes war , man sieht beklommen den Trümmern nach , man denkt : so wird auch unser Ende sein ! - Dann wirbeln die Wellen sie fort - und die Gedanken wenden sich wieder den eignen Wegen zu . Es kann den Menschen trösten oder ihn trostlos machen , daß er lebend oder todt keine bleibende Furche durch das Meer des Lebens zieht . Diese Blätter sind Ueberbleibsel eines Daseins welches vor der Zeit Schiffbruch litt ; - vor der Zeit , was die Jahre betrift , die uns ja bis » siebzig oder achtzig « zugemessen - für die also Zustände denkbar sind , welche ihnen Genüsse und Befriedigung verschaffen . Allein viel zu spät für die schauerliche Erschöpfung in der diese Frau ihre Tage hinschleppte . Nichts auf der Welt machte ihr Freude , nichts entlockte ihr ein Lächeln oder eine Thräne , nichts erwärmte ihr Herz oder beflügelte ihren Geist , nichts ruhte sie aus , nichts regte sie an . Sie stand neben ihrem unterminirten und ausgeödeten Leben wie der Genius des Todes jezt neben ihrem Grabe stehen mag : unüberwindlich gleichgültig . Gleichgültig - das war sie ! aber nicht blos für Andere , sondern mehr noch für sich selbst . Es ist ja Alles gleich vorüber ! - sprach sie mit ihrer tonlosen Stimme und ihrem Marmorantlitz , und Körperleiden die Andere wahnwitzig machen würden , erpreßten ihr keine Klage . Als sie im Sarge lag fiel mir dieser gleichgültige Ausdruck ganz unsäglich schmerzlich auf . Die Züge der Todten pflegen fast immer mit Frieden und Milde gleichsam überstralt zu werden , so daß unschöne schön - entstellte und zerwühlte versöhnt erscheinen . Ein gewisser majestätischer Ausdruck von besiegten Leiden macht das Todtenantlitz zugleich rührend und glorreich . Sie hatte ihn nicht , denn sie hatte keine Leiden besiegt , die Leiden hatten sich nur von ihr zurückgezogen ; und wo kein Sieg ist keine Verklärung . Als ich die Blätter las in welche sie ihr Leben verzeichnet hat und welche ich auf ihren Wunsch nach ihrem Tode empfing , war es mir als sähe ich einen einsamen Vogel auf einer kahlen Felsenklippe im Meer sitzen , der eine melancholische monotone Weise singt , die er der Brandung rings umher abgelauscht und der Unermeßlichkeit die ihn umgiebt angepaßt hat . Die Eindrücke ihrer ersten Jugend , die träumerischen , sehnsuchtsvollen , unbestimmten , großartigen Bilder , welche am Meeresufer , in Buchen- und Eichenwäldern , in Herbstnebeln an ihr vorüber gezogen sind , haben ihrer Seele die entsprechende Färbung aufgedrückt , und ihre Phantasie über alles Maß hinaus entwickelt . Sie hatte sich so gewöhnt in ihren Träumen zu leben , daß die Wirklichkeit ihr überall nüchtern und blaß erschien ; und weil die Phantasie ihr den Genuß des Unerreichbaren bot , so ließ sie das Erreichbare matt und traurig fallen , hielt es nur für Täuschung des Herzens oder Irrthum des Verstandes , und suchte und suchte - erst mit Sehnsucht , dann mit Verzweiflung , dann mit Entmuthigung - das unbekannte