Lewald , Fanny Clementine www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Fanny Lewald Clementine Erstes Capitel Also weil der Herr Geheimrath mich gestern geistreich gefunden hat , soll und muß ich ihn heirathen ? fragte Clementine und sah dabei lachend ihre jüngere Schwester , die Frau des Professors Reich , an , die ganz erhitzt auf dem Sopha ihres Wohnzimmers saß . Darum allein nicht , entgegnete diese , aber Du darfst diese Verbindung nicht ausschlagen , wie alle andern , die sich Dir boten . Der Geheimrath von Meining ist ein sehr geachteter , gebildeter und reicher Mann ; er ist freilich fünfzig Jahre alt , Du bist aber schon siebenundzwanzig , was kann denn passender sein ? Du hast mir selbst gesagt , daß Du an Dein früheres Verhältniß zu Robert Thalberg mit vollkommener Ruhe dächtest ; warum also wieder ein Glück , ein wahrhaftes Glück von Dir weisen , das sich Dir vielleicht nie wieder bietet ? Mein Mann wünscht diese Verbindung , die Tante , Deine letzte Instanz , dringt darauf , Meining erwartet das Glück seines Lebens davon und Du selbst hältst Meining nicht nur für einen liebenswürdigen , sondern auch für einen ehrenwerthen Mann ; was willst Du denn eigentlich , Clementine ? Ich will nicht lügen , Marie ! Ich will , ich kann es nicht , und je achtungswerther mir der Geheimrath erscheint , um so weniger möchte ich ihn täuschen ; ich kann nicht heirathen , quäle mich nicht . Beide Damen gingen fast erzürnt von einander ; die kleine , rosige Professorin in die Arbeitsstube ihres Mannes , um ihm das vermuthliche Mislingen ihres Planes mitzutheilen ; die ernste , schlanke Clementine auf ihr Zimmer , um den Sturm , den diese Unterhaltung in ihr erregt hatte , ruhig austoben zu lassen . Clementine und Marie Frei waren die Töchter eines hochgestellten preußischen Beamten . Sie hatten früh ihre Mutter verloren und eine Tante , Frau von Alven , eine kluge , feinfühlende Frau , die Witwe , und deren einziges Kind früh gestorben war , hatte die Erziehung der beiden Mädchen im Frei ' schen Hause übernommen . Nichts konnte aber verschiedener sein , als der Charakter dieser beiden Schwestern : Clementine , heftig , geistreich und zu tiefem Fühlen geneigt , wurde schnell von plötzlichen Eindrücken gefesselt , die sich dauernd ihrer Seele einprägten ; was sie einmal ergriffen hatte , was ihr lieb geworden war , das konnte keine Macht ihr entreißen , das hielt sie fest für ' s Leben . Aus diesem Gefühl entsprangen die treue Anhänglichkeit für Frau von Alven , die innige Liebe für ihren Vater und die fast mütterliche Zärtlichkeit für die um sechs Jahre jüngere Marie ; aber zugleich auch eine leidenschaftliche , unwandelbare Liebe für Robert Thalberg , einen jungen Mann , mit dem sie in ihrer ersten Jugend in allen befreundeten Familien zusammengetroffen war . Thalberg hatte in tausend Dingen die auffallendste Charakterähnlichkeit mit Clementinen . Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrücke des Moments , und obgleich mit dem schärfsten Verstande und ungewöhnlichem Geiste begabt , hatte sein leidenschaftliches Herz ihn häufig fortgerissen und er sich oft dadurch in eigenthümlich verwickelte Verhältnisse gebracht , die bald störend , bald fördernd auf ihn gewirkt . Ein ungebändigter Freiheitssinn , ein an Tollkühnheit grenzender Muth , eigensinniges Beharren auf seinem Willen und doch eine fast kindliche Weichheit gegen die Personen , die er liebte , machten ihn für die Frauen unwiderstehlich ; besonders da ein gebietendes , männlich schönes Aeußere gleich anfangs für ihn einnahm . Thalberg hatte Clementinen , wie alle jungen Leute ihres Kreises , seine Huldigungen dargebracht , weil sie hübsch und in der Mode war ; bei näherer Bekanntschaft entdeckten Beide aber eine solche Aehnlichkeit in ihren Neigungen und Gesinnungen , sie begegneten sich so oft in ihrem Enthusiasmus für das Schöne , daß das gewöhnliche Wohlgefallen sich in eine wirkliche , ernste Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig , ohne durch bestimmtes Versprechen an einander gebunden zu sein , als zu einander gehörend betrachteten . Clementinens Verwandte sahen ein Verhältniß , das für die Zukunft so viel Glück zu versprechen schien , ruhig wachsen , und als Thalberg den Ort verließ , nahm man allgemein an , daß das junge Paar längst einig und verlobt sei . Clementine selbst lebte von da ab nur in der Erinnerung an Robert ; Alles , was ihr begegnete , was sie that , wurde im Geiste Robert ' s Urtheil unterworfen , der , um mehrere Jahre älter als sie , einen wesentlichen Einfluß auch auf ihre geistige Richtung ausgeübt hatte . Sie liebte Alles , was seinem Willen angemessen schien , verwarf Alles , was gegen seine Ansichten sein konnte , und lebte getrennt von ihm , mitten in der Gesellschaft , doch ganz allein mit dem fernen Geliebten ; wie jene Nonnen , die , sich beständig unter den Augen ihres himmlischen Bräutigams wähnend , nur seinem Willen leben und kein anderes Gesetz kennen als das seine . Die Liebe zu dem Abwesenden war ein religiöser Cultus in ihrer Brust , und selbst der Gedanke , es könne ihr jemals möglich sein , den dringenden Bewerbungen anderer Männer die geringste Aufmerksamkeit zu gönnen , fiel ihr nie ein . Sie war den Ihrigen ergeben , half der Tante treulich die schöne Marie erziehen und bildete rastlos an sich fort , damit Robert , wenn er einst wiederkäme , sie nicht unter seinen Erwartungen fände . So waren ein paar Jahre vergangen , die kleine Marie war zu einem reizenden Mädchen herangewachsen und das harmloseste , unbefangenste Kind geblieben . Ihre Familie , ihre