Immermann , Karl Die Epigonen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Immermann Die Epigonen Familienmemoiren in neun Büchern 1823-1835 Erstes Buch Klugheit und Irrtum Irre ich , so irre ich mir . Hiob Erstes Kapitel An einem deutschen Sommertage , wo Gußregen und schwüler Sonnenblick wechselten , und das Gefilde zu öfterem halb unter grauen Wolken , halb unter glühendem Lichte lag , gingen mehrere Männer suchend durch die Heide . » Sie muß sich in die Erde verkrochen haben « , sagte der eine , » wir haben doch nirgends eine Spur von ihr gefunden . « » Wenn nur die Alte , die ihr hat wahrsagen müssen , uns nicht angeführt hat « , versetzte ein anderer . » Sie schickt uns vielleicht nach einer falschen Gegend , und hält das Kind unterdessen in ihrer Spelunke verborgen . Ich habe es dem Landrat oft gesagt , er solle das Luder von hier fortweisen zu den Zigeunern nach Friedrichslohra . « » Zigeuner ! « rief ein Dritter aus . » Das alte Weib ist so wenig eine Zigeunerin , als deine und meine Frau . Ich habe sie als Unteroffizier dazumal im Kriege recht wohl gekannt . Zu der Zeit war sie unsre Marketenderin . Sie ist aus Halle in Sachsen . Mit Büchern und allerhand Schnurren hatte sie immer ihr Wesen , davon sind ihr die Redensarten sitzengeblieben , und nun tut sie so , als wäre sie von weit her , weil sie merkt , daß es in ihrem Gewerbe dann vor den Leuten besser fleckt . Aber da kommt wieder am Himmel so ein Schlauch hergezogen , laßt uns bei den Bäumen untertreten . « Die Männer bargen sich vor dem Wetter an einer Waldecke . Ihr Gespräch verließ bald die Zigeunerin und das entflohene Kind , dem sie nachspüren sollten , und wandte sich auf die Mühsale der Polizei , welche für alles sorgen müsse und von jedermann für überflüssig erachtet werde . Bei diesen Reden machte eine Branntweinflasche , die nicht zu den kleinsten gehörte , fleißig die Runde . Als die Unterhaltung erschöpft , die Flasche ausgetrunken , und der Regen verzogen war , sagte der eine Mann : » Wenn ihr mir folgen wollt , so nehmen wir jetzt am Stern noch einen , und gehn dann zu Rathause . Mit dem Busch können wir uns doch nicht befassen , denn er ist zu groß . Wir haben getan , was möglich war , und der Komödiant mag nun selbst ausgehn , wenn er sein Mädchen wiederhaben will . « Diesem Vorschlage gaben die andern mit der Bemerkung , daß eine ungesunde Witterung herrsche , lebhaften Beifall , worauf sich alle , ohne dem Walde weitere Aufmerksamkeit zu schenken , nach dem Wirtshause in Bewegung setzten , welches sie vor kurzem erst verlassen hatten . Währenddessen saßen im Dickicht zwei junge Leute auf einem umgestürzten Stamme . Der Regen tröpfelte durch die Blätter und schien dem einen , welcher schlank und wohlgebildet war , beschwerlich zu fallen , wogegen der andre , untersetzt und knochicht , dessen nicht achtete . Er hielt eine Landkarte auf seinen Knieen entfaltet , und redete , unbekümmert darum , daß sie naß ward , auf seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebärde ein . » Nach acht Tagen « , rief er , » bin ich in Genf . - In vierzehn Tagen kann ich Marseille erreichen , und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit günstig sind , so küsse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas . « » Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit « , versetzte der andere lächelnd , » damit ihr die Illusion immer wiederherstellen könnt . Die Neugriechen werden euch mitunter unsanft in euren Träumen stören . « » Es gilt « , versetzte der mit der Landkarte , » ein gesunkenes Volk aus den Fesseln der Knechtschaft erlösen , es gilt , edlen Herzen eine Freistatt erobern , wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten können ; es gilt , den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen , und du tätest besser , Hermann , statt über das Heilige zu spotten , dich unsrem Bunde anzuschließen . Was willst du in Deutschland ? « » Traurig für mich , wenn ich in Deutschland etwas wollte « , erwiderte sein Freund . » Als ob in unsrer mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre ein Entschluß nur entstehn , geschweige denn ausgeführt werden könnte . Aber eben , weil ich nichts mehr will , tauge ich auch nirgend mehr hin , als nach Deutschland . Ich habe abgeschlossen mit dem Leben . Seit ich das getan , bin ich ruhig . Ich wünsche nichts , ich verlange nichts ; die Zeit der Täuschungen ist für mich vorüber . Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum , nur hofft nicht , in mir einen Nachfolger zu finden ! Ich war in London , in Paris ; ich habe sie gesehn , die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit . Nun , was waren sie denn mehr , als gewöhnliche Figuren , nur deshalb hervorragend , weil der Zufall sie auf hohe Postamente gestellt hatte . Nein , mich soll nichts mehr betrügen , und da jetzt an einen großen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist , so will ich meine Tage wenigstens heiter hinleben . Ohne Zweck und Ziel sollen mir die Stunden verfließen , denn Zweck ist nur ein andres Wort für Torheit , und wenn man sich ein Ziel setzt , so kann man wohl gewiß sein , daß man von dem Strudel der Umstände