Bernhardi , Sophie Evremont www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Sophie Bernhardi Evremont Erster Theil Vorrede Dieser Roman , welchen ich dem Publikum übergebe , ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia1 , welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete . Mein Urtheil über dieses Werk könnte ein partheiisches scheinen , und ich enthalte mich daher , weitläuftig über diese Composition zu sprechen , oder ihre Vorzüge auseinander zu setzen . Der unpartheiische Kenner wird ohne meine Erinnerung einsehn , mit welchem Fleiß und mit welcher Liebe dieses Werk , welches die Verfasserin so manches Jahr beschäftigte , ausgeführt ist . Wenn die Dichterin in ihren früheren Produkten nur Traum- und Mährchenwelt darzustellen strebte , oder ein schönes Gedicht des Mittelalters neu erzählte , so hat sie in diesem Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen niedergelegt . Die denkwürdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den Hintergrund dieses großen , mit mannichfachen , wechselnden Figuren ausgestatteten Gemäldes , und die Erzählung , die gut angelegt ist , hebt sich aus dem klaren Vordergrund , und das Interesse wächst mit jedem Kapitel . Die Erinnerungen eines jeden , welcher beobachten konnte und richtig schildern kann , werden aus jener merkwürdigen Periode ein gewisses Interesse haben , und seine Worte werden um so eindringlicher sein , wenn ihm die Gabe verliehen ist , diese Bilder und Ereignisse in ein mehr oder minder künstliches Gewebe einzuflechten . Eine solch Darstellung , ergießt sie sich aus einem reichen und vollen Gemüth , wird sie nicht durch Eigensinn und Vorurtheil beschränkt , hat , außer dem poetischen , theilweise einen geschichtlichen Werth . Diese freie , deutsche Gesinnung offenbart sich in diesen Blättern , die ich hier dem Publikum übergebe , mit dem Wunsche , daß die Freunde der Wahrheit , daß der gebildete Leser sie nicht unbefriedigt aus der Hand legen mögen . Auch hoffe ich , daß diese Darstellung das Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird , und daß ihr Name denen wird zugesellt werden , die das Schöne , Edle und Gute erkannten und es , so viel unsere geschränkten Kräfte vermögen , erstrebten . Ludwig Tieck . I Im Spätherbst , wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hängen , wenn die Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewölk durchdringen , und die Natur keinen erheiternden Anblick mehr gewährt ; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt , alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurück zu rufen , und unwillkührlich bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrücken , die er von außen empfängt . In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806 , an einem solchen traurigen Herbstabend , saß die Gräfin von Hohenthal mit ihrer Nichte , Fräulein Emilie von Stromfeld , am Theetisch , im Besuchzimmer des alten Schlosses Hohenthal . Die hohe Gestalt der Gräfin , ihre würdige Haltung , die dunkeln durchdringenden Augen , die edeln Formen des Gesichts ließen , obgleich durch zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet , dennoch deutlich erkennen , mit welch einem hohen Grade von Schönheit die Natur ihre Jugend geschmückt haben mußte , und noch jetzt , obgleich sie vierzig Jahre zählte , durfte sie Anspruch auf jene würdevolle Schönheit machen , die oft noch lange bleibt , wenn der Reiz der Jugend auch verschwunden ist . Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von vergangenen Leiden , so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf einen entschiedenen Charakter deuteten . Fräulein Emilie , ihre Nichte , war kaum achtzehn Jahre alt , in der Blüthe der Jugend und Schönheit , schlank , leicht , fein gebaut , so zart , daß die leiseste Bewegung des Gemüths eine Veränderung ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte ; ihr frischer Mund lächelte mit unglaublicher Anmuth und verrieth im Lächeln die Neigung ihres Gemüths zur Heiterkeit , so wie die großen dunkelblauen , von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich zeigten , daß ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war ; die reiche Fülle der schönen , glänzenden blonden Haare erhöhte den Reiz dieser lieblichen Gestalt . Beide Frauen saßen stumm da , Emilie mit einer Handarbeit beschäftigt , von der sie von Zeit zu Zeit aufsah , um einen theilnehmenden Blick auf die Gräfin zu richten , die , in sich versenkt , Alles um sich zu vergessen schien . Es ist heute ein trauriger Abend , unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser Stimme , der Herbst kündigt sich uns recht schwermüthig an ; die Gräfin fuhr beim ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen , und zeigte dadurch deutlich , daß ihre Gedanken sie so sehr beschäftigt hatten , daß die Gegenwart des Fräuleins gänzlich von ihr war vergessen worden . Sie hörte nur halb auf Emiliens Bemerkung , stand auf , ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann mit einem halb bittern , halb schmerzlichen Lächeln : An einem solchen Abende , glaube ich , würde auch der begeistertste Freund der schönen Natur und des einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden , und sich im Stillen wenigstens , wenn er sich schämte es laut zu gestehn , nach dem leichtsinnigen Geräusche der Stadt sehnen , nach Gesellschaft , die er oft langweilig genannt hat , nach Schauspiel , wenn es auch mittelmäßig wäre und die Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte , kurz , nach allem Dem , was wir immer so hochmüthig sind verachten zu wollen , und was doch kein gebildeter Mensch entbehren kann . Ehedem , bemerkte Emilie , war das Leben auf dem Lande heiterer ,