Mundt , Theodor Madonna . Unterhaltungen mit einer Heiligen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Theodor Mundt Madonna Unterhaltungen mit einer Heiligen Posthorn-Symphonie . Unterwegs . Ich will mir selbst etwas blasen ! Jetzt fange ich an , es zu glauben , daß von einer allgemeinen Tonlosigkeit dies unser Zeitalter ergriffen sein muß , denn auch die deutschen Postillons lassen jetzt ihr schmetterndes Mundstück ungenutzt und schläfrig herunterhängen , und jeder sagt mir mißmuthig , ihm sei das Horn verstopft . Auf meiner ganzen Reise durch Deutschland habe ich noch keinen vernünftigen Schwager gehabt , der mir und dem lauschenden Waldecho ein lustiges herzerfrischendes Trarara ! Trara ! Trara ! zum Besten gegeben hätte . Ihnen ist das Horn verstopft . Und ein Postillon ist doch kein deutscher Schriftsteller . Wovor fürchten sich denn die Postillons ? Ist es die Censur ? Sind es die großen demagogischen Untersuchungen ? Mein Gott , ich will mir selbst etwas blasen ! Blase , blase , wilder Sturm ! könnte ich , wie König Lear , zu diesem Herzen sagen , das mir hier unter dem Reisemantel schlägt , und lacht und weint , und wieder lacht . Und warum sollte es nicht auch lachen ? Die hohe Nacht draußen ist schön , wenn auch stumm , und die Sterne sind hell , wenn auch fern , und meine Liebe ist süß , wenn auch unerreichbar . Ich will mir etwas blasen , und meinen schlaflos sich tummelnden Gedanken , während die übrige Reisegesellschaft schnarcht , das Mundstück aufsetzen , das mein deutscher Landsmann dort , eben der tonlose Postillon , vor Faulheit nicht brauchen kann . Meine Reisehoffnung und meine Weltunlust sollen sich hier in einem schmetternden Chor noch bei aller Nacht miteinander unterreden . Erlaubte Zeitansichten werden einen gedämpften Baß dazwischen brummen . Eine herrliche Musik kann das geben , gleich dem sanften harmonischen Chor von Knoblauch und Zwiebeln , den der berühmte Julius Cäsar Scaliger wirklich in einer seiner Komödien - die Gott alle selig haben möge ! - auftreten und in wahrhaft duftigen Rhythmen sich aussprechen ließ . Es sollte dies nur eine beißende Nachahmung sein des beißenden Zeitspötters Aristophanes und seiner Chor-Wolken und Chor-Frösche , und ich möchte Den sehen , der noch heutzutage ein glücklicherer Nachahmer des Aristophanes zu sein wagen könnte , als der berühmte Julius Cäsar Scaliger . Unsere Zeit gebiert zwar täglich tausendfachen Stoff für einen doppelten Aristophanes , aber - - das Horn ist verstopft - - Schwager , Schwager , laß Dir Dein Horn reinigen ! - - es ist verstopft , und statt des keckbeflügelten Göttersohnes Aristophanes quäkt uns ein jämmerlicher Scaliger aus unserer eignen Bruströhre heraus . - Trara ! Trarara ! man muß reisen . Es läßt sich heuer nichts Vernünftigeres thun , als auf die Reise gehen , besonders wenn man keine Heimath hat im eignen Vaterlande . Nicht Heimath , nicht Weib , nicht Kind , nicht Haus , nicht Heerd , nicht Ruhe , nicht Rast , nicht Andacht , nicht Hoffnung - ein windschiefes Leben . Noch mehr bedauere ich Den , dem wohl sein kann in seinen heimathlichen Zuständen heut , der eingesessen und zahmgesessen ist , und nicht jeden Augenblick sein Bündel geschnürt hat , um abtrollen und ausmarschiren zu können . Die Treue gegen die Scholle gilt nichts mehr , wenn die Scholle leibeigen macht den Geist . Man kokettire nur nicht mit der Treue , damit man sich selbst nicht untreu werde , denn ohne große Treulosigkeiten geht es einmal im Leben und in der Geschichte nie ab . Die Völker verlassen ihre alte Liebe , und suchen sich neue Gesetze , und durch die ganze Welthistorie geht ein Klagen und Weinen tausend verlassener Geliebten , und es kümmert die Völker nicht . Und des Menschen Herz , wenn es sich an ein Bild gehängt hat , muß sich blutig reißen , wenn die Scheidung kommt zwischen dem Herzen und seinen Bildern , denn es muß geschieden sein ! Aber Vieles bleibt stätig und wird nur immer fester , hat es in der sich fortbewegenden Idee sein Leben und sein Herz , und so sage ich : was sich bewegt , das ist ewig ! Und was ewig ist , bewegt sich . Siehe , was still steht und sich fertig wächst , ist nur das Vergängliche an Körper und Seele der Menschen und der Staaten . Nur der schlechte Theil an uns wird ein weiser Greis , nur das sterbliche Stück Leben setzt sich am Ende zur Ruhe und kündigt sich als einen stabil gewordenen Organismus an . Die Jugend wird nie klug , darum lebt der junge Mensch immer weiter , und dieser ewig junge Mensch ist die ewige Geschichte . Und die Liebe wird nie fertig , darum bewegt sie sich von Geist zu Geist herüber und hinüber mit dieser starken Sehnsucht . Die innere Bewegung ist die wahre Treue der Liebe , an dieser webt sie sich ämsig in alle Ewigkeit fort , und kennt eine andere nicht . Du , wir lieben uns , weil sich unsere Geister mit und zu einander bewegen . Du , Du , wir können nicht anders , weil Deine innerste Bewegung meine ist , und meine Deine , und so bewegen wir uns , indem wir uns lieben . Du , Du , wir sind jung , weil wir bewegen und lieben , und wir sind nicht weise , deshalb bewegen wir uns ewig . Du , Du , ich bin Dir ewig treu , weil Deine Bewegung meine ist , und erst wann Du mir das einmal anthätest und zu mir sagtest : » alter , kluger