Gutzkow , Karl Wally , die Zweiflerin www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Karl Gutzkow Wally , die Zweiflerin - Des Friedens Wund ' ist Sicherheit , Sorglose Sicherheit ; doch weiser Zweifel Wird Leuchte der Vernunft , des Arztes Sonde , Der Wunde Grund zu prüfen . Shakespeare Erstes Buch 1 Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally , ein Bild , das die Schönheit Aphroditens übertraf , da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize , der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte , noch alle romantischen Zauber gesellten : ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte nicht , ein Vorzug , der sich weniger in der Schönheit selbst als in ihrer Atmosphäre kundzugeben pflegt . Welche natürliche und ihr doch so vollkommen gegenwärtige Koketterie auf einem Tiere , von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wußte , daß es blind war ! Wally gab sich das Ansehen , als wäre sie mit ihrer Situation verschwistert ; aber nichts ist so reizend , als wenn durch irgendeine fast gelungene Affektation , durch die ganze Haltung eines innerlich mehr reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und für den Mann , welcher sie sehen kann , die versteckten Erleichterungen einer sich einbohrenden Neigung werden . Aber von den zahlreichen Kavalieren , welche Wally umgaben , sahe diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit niemand . Jene , die Lücken der Furcht , kannte vielleicht der Jockei , der auch wußte , daß die weiße Stute blind war . Aber die übrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am Magnet , wie die Nachahmung am Genie , wie das Ordinäre am Wunderbaren . Am Wege schritt , wie es beim Temperamente sich von selbst versteht , im Zweivierteltakte Cäsar , ein Mann , der imstande war , eine solche Gruppe wie die vorbeisprengende im Nu zu übersehen und jede darin waltende Figur so zu isolieren , daß er sie alle verarbeitete und an seiner eigenen Individualität zerrieb . Kennt ihr diese genialen Charaktere , welche durch ihr Schweigen immer mehr ausdrücken , als wenn sie reden , die nur ihr rollendes , siegendes Auge in die Gesellschaft bringen dürfen und jede Persönlichkeit darin absorbieren in eine Huldigung , die ihnen wird ohne ihr Verlangen ? Cäsar stand im zweiten Drittel der zwanziger Jahre . Um Nase und Mund schlängelten Furchen , in welche die frühe Saat der Erkenntnis gefallen war , jene Linien , die sich von dem lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlichkeit steigern können . Cäsars Bildung war fertig . Was er noch in sich aufnahm , konnte nur dazu dienen , das schon Vorhandene zu befestigen , nicht zu verändern . Cäsar hatte die erste Stufenleiter idealischer Schwärmerei , welche unsre Zeit auf junge Gemüter eindringen läßt , erstiegen . Er hatte einen ganzen Friedhof toter Gedanken , herrlicher Ideen , an die er einst glaubte , hinter sich : er fiel nicht mehr vor sich selbst nieder und ließ seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft umschlingen und sie beten : Heilige Zukunft , glühender Moloch , wann hör ' ich auf , mich mir selbst zu opfern ? Cäsar begrub keine Toten mehr : die stillen Ideen lagen so weit von ihm , daß seine Bewegungen sie nicht mehr erdrücken konnten . Er war reif , nur noch formell , nur noch Skeptiker : er rechnete mit Begriffsschatten , mit gewesenem Enthusiasmus . Er war durch die Schule hindurch und hätte nur noch handeln können ; denn wozu ihn seine toten Ideen machten , er war ein starker Charakter . Unglückliche Jugend ! Das Feld der Tätigkeit ist dir verschlossen , im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmatte Seele nicht wieder neu geboren werden ; du kannst nur lächeln , seufzen , spotten und die Frauen , wenn du liebst , unglücklich machen ! Cäsar , wie er einsam wandelte , fühlte , daß er weinen sollte , und lachte , um die Tränen zu vertreiben . Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorüber . Sie schlug mit ihrer Gerte in die Seiten des schönen , aber blinden Gaules ( sie wußte es wahrhaftig nicht ! ) - ein sonderbarer Glanz klang durch die Luft , und zu Cäsars Füßen lagen fünf kostbare Ringe . Sie mußten an der Reitgerte gesteckt haben . Wally sah , was der Unbekannte am Wege aufnahm ; sie machte Miene anzuhalten ; aber als der Fremde mit der Zurückgabe zögerte , blickte sie bös und trieb ihren Schimmel weiter . Die Kavaliere hatten nichts gesehen . Cäsar aber , da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor , mußte sich auf alles besinnen . Er gefiel sich darin , an eine alte Sage zu glauben , an die Prinzessin im Walde , und sich selbst mit irgendeinem Zauber in Verbindung zu bringen . Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen , wie er innerhalb der Stadt war . 2 Ein gewisser Regierungspräsident gab einen beinahe ländlichen Ball . Wally und Cäsar sahen sich hier . Cäsar hatte in einem Anfalle guter Laune die fünf Ringe über seine Handschuhe gezogen . Wally frug ihn , wie er darauf käme ? » Weil meine rechte Hand « , antwortete er , » beim Tanzen immer ungeschickt ist . Die Ringe verhindern sie , von dem glatten Rücken der Tänzerinnen abzugleiten . « Wally ließ ihn stehen : dieser junge Mann mißfiel ihr . Aber sie fühlte , daß sie sich zerstreuen müsse , und tanzte mit Vorliebe . Sie wurde erhitzt , verfolgte Cäsar und sahe , daß er die Ringe wieder fortgenommen hatte . Sie wollte sie wiederhaben und