Mörike , Eduard Maler Nolten www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard Mörike Maler Nolten Novelle in zwei Teilen Erster Teil Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt . Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem Maler Tillsen , und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen , führte ihn diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm . Er traf den Maler , wie gewöhnlich nach Tische , mit seiner jungen Frau in dem kleinen , ebenso geschmackvollen als einfachen Saale , dessen antike Dekoration sich gar harmonisch mit den gewöhnlichen Gegenständen des Gebrauchs und der Mode ausnahm . Man sprach zuerst in heiterm Tone über verschiedene Dinge , bis die Frau sich in Angelegenheiten der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein ließ . Der Baron saß bequemlich mit übereinandergeschlagenen Beinen im weichen Fauteuil , und indes die Wange in der rechten Hand ruhte , schien er während der eingetretenen Pause den Maler in freundlichem Nachsinnen mit der neuen Ansicht zu vergleichen , die sich ihm seit gestern über dessen Werke aufgedrungen . » Mein Lieber ! « fing er jetzt an , » daß ich Ihnen nur sage , warum ich vornehmlich hieher komme . Ich bin kürzlich bei dem Grafen von Zarlin gewesen und habe dort ein Gemälde gesehen , wieder und wieder gesehen und des Sehens kaum genug gekriegt . Ich fragte nach dem Meister , der Graf ließ mich raten , ich riet und sagte : Tillsen ! - schüttelte aber unwillkürlich den Kopf dabei , weil mir zugleich war , es könne doch nicht wohl sein ; ich sagte abermals : Tillsen , und sagte zum zweitenmal : Nein ! « Bei diesen Worten zeigte sich eine Spur von Verdruß und Verlegenheit auf des Malers Gesicht ; er wußte sie jedoch schnell zu verbergen und fragte mit guter Laune : » Nun ! das schöne Wunderwerk , das meinen armen Pinsel bereits zweimal verleugnet hat - was ist es denn eigentlich ? « » Stellen Sie sich nicht , Bester « , erwiderte der Alte aufstehend , mit herzlicher Fröhlichkeit und glänzenden Augen , » Ihnen ist wohl bekannt , wovon ich rede . Der von Zarlin hat Ihnen das Bild abgekauft und Sie sind nach seiner Versicherung der Mann , der es gemacht . Hören Sie , Tillsen « , hier ergriff er seine Hand , » hören Sie ! ich bin nun einmal eben ein aufrichtiger Bursche , und mag , wo ich meine Leute zu kennen glaube , nicht übertrieben viel Vorsicht brauchen , also platzte ich Ihnen gleich damit heraus , wie mir ' s mit Ihrem Bilde ergangen ; es enthält unverkennbar so manches Ihrer Kunst , besonders was Farbe was Schönheit im einzelnen , was namentlich auch die Landschaft betrifft aber es enthält - nein , es ist sogar durchaus wieder etwas anderes , als was Sie bisher waren , und indem ich zugebe , daß die überraschende Entdeckung gewisser Ihnen in minderem Grade eigenen Vorzüge mich irregemacht , so liegt hierin ein Vorwurf gegen Ihre früheren Arbeiten , den Sie immer von mir gehört haben , ohne darum zu zweifeln , daß ich Sie für einen in seiner Art trefflichen Künstler halte . Ich fand jetzt aber eine Keckheit und Größe der Komposition von Figuren , eine Freiheit überall , wie Sie meines Wissens der Welt niemals gezeigt hatten ; und was mir schlechterdings als ein Rätsel erschien , ist die auffallende Abweichung in der poetischen Denkungsart , in der Wahl der Gegenstände . Dies gilt insbesondere von zwei Skizzen , deren ich noch gar nicht erwähnte und die Sie dem Grafen in Öl auszuführen versprochen haben . Hier ist eine durchaus seltene Richtung der Phantasie , wunderbar , phantastisch , zum Teil verwegen und in einem angenehmen Sinne bizarr . Ich denke dabei an die Gespenstermusik im Walde und Mondschein , an den Traum des verliebten Riesen . Tillsen ! um Gottes willen , sagen Sie , wann ist diese ungeheure Veränderung vorgegangen ? wie erklären Sie mir sie ? Man weiß und hat es bedauert , daß Tillsen in anderthalb Jahren keine Farbe angerührt ; warum sagten Sie mir während der letzten zwei Monate nicht eine Silbe vom Wiederanfange Ihrer Arbeiten ? Sie haben heimlich gemalt , Sie wollten uns überraschen , und wahrlich , teuerster , unbegreiflicher Freund , das ist Ihnen gelungen . « Hier schüttelte der feurige Redner den stummen Hörer kräftig bei den Schultern , schmunzelte und sah ihm nahezu unter die Augen . » Ich bin wahrhaftig « , begann der andere ganz ruhig , aber lächelnd , » um den Ausdruck verlegen , Ihnen meine Verwunderung über Ihre Worte zu bezeugen , wovon ich das mindeste nicht verstehe . Weder kann ich mich zu jenem Gemälde , zu jenen Zeichnungen bekennen , noch überhaupt faß ich Ihre Worte . Das Ganze scheint ein Streich von Zarlin zu sein , den er uns wohl hätte ersparen mögen . Wie stehen wir einander nun seltsam beschämt gegenüber ! Sie sind gezwungen , ein mir nicht gebührendes Lob zurückzunehmen , und der Tadel , den Sie vergnügt schon auf die alte Rechnung setzten , bleibt wo er hingehört . Das muß uns aber ja nicht genieren , Baron , wir bleiben hoff ich , die besten Freunde . Geben Sie mir aber doch , ich bitte Sie , einen deutlichen Begriff von den bewußten Stücken . Setzen Sie sich ! « Jaßfeld hatte diese Rede bis zur Hälfte mit offenstehendem Munde , beinahe ohne Atemzug angehört , während der andern Hälfte trippelte er im Zickzack durch den Saal , stand nun plötzlich still und