Hauff , Wilhelm Lichtenstein www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Wilhelm Hauff Lichtenstein Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte Erster Teil Einleitung Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte ; Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst Auch euren Herzen menschlich näher bringen : - Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang Und wälzt die größre Hälfte seiner Schuld Den unglückseligen Gestirnen zu . Schiller Die Sage , womit sich die folgenden Blätter beschäftigen , gehört jenem Teil des südlichen Teutschlands an , welcher sich zwischen den Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet : das erstere dieser Gebirge schließt von Nordwest nach Süden in verschiedener Breite sich ausdehnend , in einer langen Bergkette dieses Land ein , der Schwarzwald aber ziehet sich von den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und bildet mit seinen schwärzlichen Tannenwäldern einen dunklen Hintergrund für die schöne , fruchtbare , weinreiche Landschaft , die vom Neckar durchströmt an seinem Fuße sich ausbreitet und Württemberg heißt . Dieses Land schritt aus geringem , dunklem Anfang unter mancherlei Kämpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor . Es erregt dies um so größere Bewunderung , wenn man die Zeit bedenkt , in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt ; jene Zeit , wo mächtige Grenznachbarn , wie die Stauffen , die Herzoge von Teck , die Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert waren ; wenn man die inneren und äußeren Stürme bedenkt , die es durchzogen und oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten . Gab es ja doch sogar eine Zeit , wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus den Hallen ihrer Väter verdrängt schien , wo sein unglücklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben mußte , wo fremde Herren in seinen Burgen hausten , fremde Söldner das Land bewachten , und wenig fehlte , daß Württemberg aufhörte zu sein , jene blühenden Fluren zerrissen und eine Beute für viele oder eine Provinz des Hauses Österreich wurde . Unter den vielen Sagen , die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer Väter im Munde der Schwaben leben , ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse , als die , welche sich an die Kämpfe der eben erwähnten Zeit , an das wunderbare Schicksal jenes unglücklichen Fürsten knüpft . Wir haben versucht , sie wiederzugeben , wie man sie auf den Höhen von Lichtenstein und an den Ufern des Neckars erzählen hört , wir haben es gewagt , auch auf die Gefahr hin , verkannt zu werden . Man wird uns nämlich entgegenhalten , daß sich der Charakter Ulerichs von Württemberg 1 nicht dazu eigne , in einem historischen Romane mit milden Farben wiedergegeben zu werden ; man hat ihn vielfach angefeindet , manches Auge hat sich sogar daran gewöhnt , wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Württembergs mustert , mit scheuem Blick vom ältern Eberhard auf Christoph2 überzuspringen , als seie das Unglück eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen , oder als seie es verdienstlich , das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not . Und doch möchte es die Frage sein , ob man nicht in Beurteilung dieses Fürsten nur seinem erbittertsten Feinde Ulerich von Hutten nachbetet , der , um wenig zu sagen , hier allzusehr Partei ist , um als leidenschaftloser Zeuge gelten zu können ; die Stimmen aber , die der Herzog und seine Freunde erhoben , hat der rauschende Strom der Zeit übertäubt , sie haben die zugleich anklagende und richtende Beredsamkeit seines Feindes , jene donnernde » Philippica in ducem Ulericum « nicht überdauert . Wir haben fast alle gleichzeitige Schriftsteller , die Stimmen eines längstvergangenen , vielbewegten Jahrhunderts gewissenhaft verglichen und fanden keinen , der ihn geradehin verdammt . Und wenn man bedenkt , welch gewaltigen Einfluß Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuüben pflegen , wenn man bedenkt , daß Ulerich von Württemberg unter der Vormundschaft schlechter Räte aufwuchs , die ihn zum Bösen anleiteten um ihn nachher zu mißbrauchen , wenn man sich erinnert , daß er in einem Alter die Zügel der Regierung in die Hände bekam , wo der Knabe kaum zum Jüngling reif ist , so muß man wenigstens die erhabenen Seiten seines Charakters , hohe Seelenstärke und einen Mut , der nie zu unterdrücken ist , bewundern , sollte man es auch nicht über sich vermögen , die Härten damit zu mildern , die in seiner Geschichte das Auge beleidigen . Das Jahr 1519 , in welches unsere Sage fällt , hat über ihn entschieden , denn es ist der Anfang seines langen Unglückes . Doch darf die Nachwelt sagen , es war der Anfang seines Glückes ; war ja doch jene lange Verbannung ein läuterndes Feuer , woraus er weise und kräftiger als je hervorging ; es war der Anfang seines Glückes , denn seine späteren Regentenjahre wird jeder Württemberger segnen , der die religiöse Umwälzung , die dieser Fürst in seinem Vaterlande bewerkstelligte , für ein Glück ansieht . In jenem Jahre war alles auf die Spitze gestellt . Der Aufruhr des Armen Konrad war sechs Jahre früher mit Mühe gestillt , doch war das Landvolk hie und da noch schwierig , weil der Herzog sie nicht für sich zu gewinnen wußte , seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden . Den Schwäbischen Bund , eine mächtige Vereinigung von Fürsten , Grafen , Rittern und freien Städten des Schwaben- und Frankenlandes hatte er wiederholt beleidigt , hauptsächlich auch dadurch , daß er sich weigerte , ihm beizutreten .