Schopenhauer , Johanna Die Tante www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Johanna Schopenhauer Die Tante Ein Roman Even so it was with me , when I was young : It is the show and seal of nature ' s truth , Where love ' s strong passion is impress ' d in youth : By our remenbrances of days foregone , Such were our faults ; - or then we thougt them none . SHAKESPEARES All ' s well that ends well . Act I. Scene III. Erster Band Babet und Agathe , zwei sehr hübsche Mädchen von sechszehn und siebenzehn Jahren , saßen an einem rauhen Herbstabende , in der trübseligsten Stimmung von der Welt , ganz allein bei einander . Draußen peitschte der Sturm mit lautem Geprassel Regen und Hagel gegen das Fenster des Kabinets , und im Nebenzimmer lag ihre todtkranke Verwandte Vicktorine , die einzige Tochter des reichen Handelsherrn Kleeborn , der seit dem frühen Tode ihrer Eltern sich als der Bruder ihrer Mutter der armen verwaiseten Kinder väterlich annahm . Wenn sie auch der Kranken wegen sich nicht hätten Zwang anthun müssen , so war doch ohnehin , den beiden Mädchen nicht so zu Muthe , daß sie wie sonst hätten mit einander um die Wette plaudern mögen ; denn seit Jahr und Tag , das heißt , seit sie aus der Pensionsanstalt in das Haus ihres Oheims kamen , waren ihnen zum erstenmale zwei tödtlich lange Wochen ohne Ball , ohne Theater , ohne irgend eine Art von Gesellschaft , langsam vorüber geschlichen . Daher wußten sie auch gar nichts ordentliches zu reden ; am liebsten wären sie aus lauter Langerweile gleich zu Bette gegangen , obgleich es eben erst Abend ward ; aber das ging auch nicht an , denn es war an ihnen die Reihe , diese Nacht bei der kranken Kusine zu wachen . Es schämte sich nur eine vor der andern , sonst hätte jede sich gern in einen Winkel hingesetzt , und nach Herzenslust drauf los geweint , so beklommen war ihnen zu Muthe . Nachdem sie eine feine Weile so trübseelig da gesessen hatten , begannen sie so leise als möglich auf den Fußspitzen nebeneinander in dem kleinen Zimmer umher zu schleichen , bis Babet sehr nachdenklich am Fenster stehen blieb , den zierlichen Finger an die hübsche Nase legte , und nach einer kleinen Pause mit fast heroischem Anstande ausrief : » richtig ! der Schwarze ! « so daß Agathe darüber , der draussen herrschenden Dunkelheit vergessend , mit dem Köpfchen neugierig gegen das Fenster fuhr . Die Scheiben klirrten , Agathe klagte weinerlich : » Das war recht maliziös von dir ! « und rieb sich die schmerzende Stirn . » Ich weis gar nicht was du darunter suchst , « setzte sie hinzu . » Und ich weis gar nicht was es dich angeht , « erwiederte Babet . » So ? und hast du mir nicht gesagt ? « eiferte Agathe . Babet meinte , das hätte sie eben nicht , und nun gieng der Zwist wieder los , gerade wie gestern Abend , da sich beide blos für die Langeweile recht tüchtig mit einander herumgestritten hatten . Manch heisses Thränchen war schon von beiden Seiten geflossen , als Babet endlich heraus schluchzte : » es ist doch zu arg , daß man nun nicht einmal mehr überlegen darf , was man morgen in der Kirche für einen Huth aufsetzen will « » Was ? Huth aufsetzen ? « fragte , schnell sich erheiternd , Agathe , » liebste Babet ! ich meinte wahrhaftig , du sähest draussen den Schwarzen , ach du weist ja , wen wir so nennen ; den hübschen Lieutenant meinte ich ! « Die unwiederstehlichste Lust zum Lachen hemmte jetzt aufs schnellste den Erguß der Thränen bei beiden Mädchen ; vergebens tönte gleich einem nahenden Gewitter , das warnende Husten der alten französischen Mamsell aus dem Krankenzimmer zu ihnen herüber ; sie waren nicht im Stande sich zu fassen . Das Lachen hörte nicht auf , selbst als die Mamsell ein sehr ernsthaftes : » fi donc , mes enfants ! « zur halbgeöffneten Thüre hereinflüsterte ; sie stopften sich zwar die kleinen Batisttücher in den niedlichen Mund , aber es half wenig . Endlich schmiegten sich alle beide in des Onkels großen Lehnstuhl hinein , und legten , noch immer kichernd , die Lockenköpfchen dicht aneinander . Nach und nach war es jetzt im Zimmer beinah ganz dunkel geworden , denn man hatte vergessen ihnen Licht zu bringen ; dazu orgelte der Wind im Kamin , und pfiff in schneidenden Tönen durch die langen Gänge des weitläuftigen Hauses , so daß den Mädchen , trotz dem Lachen , ein kleines Grauen anwandelte . Sie mochten sich weder regen , noch einander loslassen , und fiengen daher lieber an von ihren Herzensangelegenheiten mit einander zu plaudern ; denn dieses war so recht ein Stündchen dazu . » Sage einmal , « flüsterte Agathe , » geht er denn in die Kirche , wenn du den schwarzen Huth aufsetzest ? « » Ei bewahre ! « antwortete Babet , » aber er wartet ja alle Sonntage mit den Andern an der Kirchthüre , um die Damen zu sehen , die hineingehen ; mich grüßt er dann immer ganz absonderlich , den schwarzen Huth kennt er aber noch gar nicht an mir , weil der noch neu ist , und er kleidet mich doch am besten , wie du weißt . « » Ach Gott ! nun habe ich den armen Theodor schon seit acht Tagen nicht gesehen ! « setzte Babet mit einem recht kläglichen Seufzer hinzu