Fouqué , Caroline de la Motte Der Spanier und der Freiwillige in Paris www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Caroline de la Motte Fouqué Der Spanier und der Freiwillige in Paris Eine Geschichte aus dem heiligen Kriege Erstes Kapitel Die große metallene Wanduhr schlug unter langen schnarrenden Absätzen zehn . Die junge Blansche sprang unruhig auf , schob den schweren , verblichenen Sammetsessel an die Seite und trat zu ihrer Mutter . Diese schrieb unter häufigen Thränen in schnellen , flüchtigen Zügen eilig fort , und ohne aufzusehen , fuhr sie schmeichelnd mit der flachen Hand über das zarte Gesichtchen der Tochter . Doch plötzlich von den eignen , niedergeschriebenen Worten überwältigt , warf sie sich an ihres Kindes Brust , und rief unter lautem , ungehemmten Schluchzen : Gott , mein Gott , die Freude ist gewaltiger als der Schmerz ! wie soll ich es denn ertragen , meinen rechtmäßigen König , die Tochter meiner unglücklichen Königin wiederzusehen ! Blansche , liebes , liebes Kind , die Vorsehung schenkt uns die Bourbons wieder ! Träume ich auch wirklich nicht ? ist es denn wahr ? Frau von Saint Alban hatte die Hände gefalten , und sah , gleichsam über das Unbegreifliche nachsinnend , in unaussprechlichem Entzücken gen Himmel . Blansche kniete vor ihr , und von den Thränen der Mutter aufs tiefste erschüttert , weinte sie still in ihr Tuch . Beide hielten sich eine Zeit lang fest umschlungen , dem Glück der nächsten Gegenwart voll Theilnahme und Vertrauen hingegeben , als der alte Kammerdiener eintrat und sein Erscheinen ihnen sagte , daß der unruhig erwartete Augenblick nun gekommen sei . Frau von Saint Alban sah gerührt auf den treuen Armand . Er war fein und sorgfältig gepudert , trug einen langen Rock von violetter Seide mit veralteter Stickerei , Points Manschetten und geränderte Schnallen , sein scharfes , hageres Gesicht war ernst , doch strebte er vergeblich durch feierliche Haltung und gemessene Worte die große Bewegung seiner Seele zu verbergen . Just so gekleidet , so gerührt und so förmlich war er vor sechs und zwanzig Jahren als Frau von Saint Alban dies Haus zuerst betrat , dessen schlechtere Zimmer sie zeither bescheidentlich bewohnte . Armand , sagte sie , ihm die Hand reichend , wir könnten denken , wir hätten geschlafen und wachten jetzt erst wieder auf , aber die Zeit hat entsetzlich gearbeitet , ihre Spuren schneiden schringend in die Sinne . Sie blickte fast beschämt auf die knappe , mühsam ergänzte Kleidung , auf das beschädigte , gebrechliche Geräth , die abgesprungene Vergoldung , und den langen , eingelegten Spiegel , der ihr das Bild der schönen Blansche so blühend und so schmucklos zurückwarf . Sich abwendend sprang sie hastig auf , wie man wohl thut , wenn eine störende Empfindung unbequem in unsere Freude hineinsieht , faltete darauf das beschriebene Blatt zusammen , siegelte und addressirte unter angenehmem Lächeln , wog dann den Brief hoffnungsvoll zwischen Daum und Zeigefinger und eilte mit kurzen , schnellen Schritten in ein Seitenzimmer . Blansche sah ihr bewegt nach . Sie wußte an wen der Brief gerichtet war , und daß er den ersten , freien , innigen Gruß der Mutter an die Herzogin von Angouleme enthielte , den mündlich auszusprechen ihr die Beschränkung ihrer Lage für den Augenblick noch verbot . Zum erstenmal lastete der Druck enger Verhältnisse peinlich auf dem kleinen Herzen , es regte sich ein wehmüthiger Streit , das Außenleben war weniger hell , sie sah mit einiger Beschämung auf sich selbst zurück , als Frau von Saint Alban mit einem Lilienzweig vor sie hintrat . Diese schwieg eine kleine Weile , ihr stockten die Worte in der Brust , sie verschluckte die Thränen , und sagte dann mit einer lieblichen , ihr eignen Neigung des Kopfes : mein armes Kind , das ist der einzige Schmuck , den ich dir geben kann , denk ' aber , das befreiete Frankreich habe ihn dir geschenkt , und trage ihn so mit Ehrfurcht und Dankbarkeit . Blansche war vor ihr hingesunken und fühlte mit Stolz die Lilie zwischen ihren blonden Locken befestigen . Frau von Saint Alban hing darauf einen Schleier über , legte ein schwarzes Sammetmäntelchen an , und die etwas vergelbten weißen Handschuh sorgfältig anziehend , gab sie der Tochter die Hand . Armand öffnete beide Flügelthüren , und eilte dann in schicklicher Entfernung voraus an den Schlag eines bescheidenen Miethswagens . Den einen Fuß auf dem Tritt , wandte sich Frau von Saint Alban noch einmal , Gott ! sagte sie , Freude wie Schmerz pressen die Brust ängstlich zusammen , und jeder Entscheidung , der glücklichen wie der unglücklichen , geht eine erstickende Beklommenheit voran . Als nun der Schlag zufiel und der Kutscher sich fragend umwandte , sagte sie : nach der Kathedrale ! ich will meinen König betend vor Gottes Thron begrüßen . Zweites Kapitel Der Wagen fuhr langsam durch die gedrängten Straßen . Jeden Augenblick stockte die ungeheure , immer aufschwellendere Menschenmasse . Cabriolets und Kutschen , Truppenabtheilungen , feierliche Aufzüge , alles gerieth verwirrend aneinander , das Geläute der Glocken , die Trommeln und Pfeiffen , die Pauken und Trompeten , die schreiende , jubelnde , schwatzende Menge , die ganze wogende Stadt betäubte die arme Blansche , die zitternd neben der Mutter saß , und jedesmal mit ersticktem Schrei zusammenfuhr , wenn das Volk sich immer dichter und dichter heranpressend , den Wagen fast zu tragen schien . Frau von Saint Alban wußte nichts von allem dem , sie sahe , sie hörte alles und nichts , sie war in einem Taumel , in einer Bewegung , die das Einzelne verschlang , tausendmal ließ