Arnim , Ludwig Achim von Armut , Reichtum , Schuld und Buße der Gräfin Dolores www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Achim von Arnim Armut , Reichtum , Schuld und Buße der Gräfin Dolores Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein Zueignung an des Fürsten Radzivil Durchlaucht Dem Schutzgeist bleibt ein treuer Sinn ergeben , Der ihn erhob aus einer dunklen Zeit , Auf lichten Flügeln singend hinzuschweben In hohem Frieden über leeren Streit ; So ward auch mir ein hochgesellig Leben , Wo sich die Worte leicht zum Lied gereiht , Mein Lied und ich , wir bleiben treu ergeben Dem , der uns hat durch Melodie geweiht , Die aus dem vollen Herzen einsam weinet Und wie ein Nordlicht tief bedeutend scheinet . Erste Abteilung Armut Erstes Kapitel Das fürstliche Schloß und der Palast des Grafen P ... Vor einer kleineren Residenzstadt des südlichen Deutschlands erscheinen dem Reisenden , der die große Heerstraße vom Gebürge herabfährt , zwei große hervorragende Gebäude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung . Einem altertümlich getürmten und geschwärzten , von Wassergräben umzogenen Schlosse gegenüber , schimmert ein freier , leichter , heiterer , flachgedeckter italienischer Palast im schönsten Grün eines weiten Gartens , so auffallend vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und großen glänzenden Fenstern als glücklicher Nebenbuhler , als eine neue fröhliche Zeit neben einer verschlossenen ängstlichen alten , daß diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten Anblicke eingefallen sein mag . Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der fröhlichen Zeit näher bekannt zu werden , um mit ihnen in allem Überflusse der schönen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu erfreuen , verschwindet eben so schnell , wie die Furcht vor dem düster vergitterten Schlosse , sobald sich die Reisenden beiden Gebäuden hinlänglich genähert haben , um alles einzelne daran zu unterscheiden . Das schwarze Schloß , wohlunterhalten und dauerhaft , mit seinen vorspringenden spitzen Türmen , mit seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern , mit dem großen steinernen Wappen über dem Tore , vor allem mit seinen kleinen bunten Gärtchen in den Turmecken , wo vielleicht schöne Fürstentöchter unter selbst gezognen Blumenlauben die vorüber wandernden Ritter belauschen , dies Ganze macht einem das wunderliche Gefühl , das die Leute romantisch zu nennen pflegen , es versetzt uns aus der sonnenklaren Deutlichkeit des guten täglichen Lebens in eine dämmernde Frühzeit , die auch uns erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und gedenken , ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder Nacht werden kann . Sind wir von diesem Gefühle durchdrungen , so scheint der kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsäulen , mit seinen nackten Götterbildern , die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt zu sein scheinen , wie eine leere fremdartige Zauberei , die der Zauberer aufgegeben , nachdem sie Götter und Menschen betört hatte . Auch scheint bei näherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstörenden Elementen überlassen ; der Wohlstand , der darin lange einheimisch gewesen sein mag , hat sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht , um zu verschwinden ; die Fenster des untern Geschosses sind meist eingeschlagen , oder mit innern Fensterladen notdürftig geschlossen ; das lückenvolle Dach hat große Stücken der Gesimse losweichen lassen ; die Laden der Dachfenster schlagen im Winde nachlässig auf und zu ; das zierliche eiserne Geländer , das den Vorhof schließt , ist des größten Teils seiner vergoldeten Blätter von mutwilliger Hand beraubt ; die eisernen Türen liegen ausgehoben daneben , vom hohen Grase überwachsen ; die Wände sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres Regiments bezeichnet . Der Reisende sieht ärgerlich davon weg und nach dem Lustgarten , der den Palast umschließt und hinter demselben zu einer prachtvollen Anhöhe sich erhebt . Alles grünt da , alles singt , alles ist wild verwachsen , das Auge unterscheidet nicht , ob das halb eingestürzte Haus auf dem Gipfel des Berges eine absichtliche oder zufällige Ruine ; neben den amerikanischen Sträuchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln , wahrscheinlich in kindischer Nachahmung des Feldbaus ; in den öden großen Baumgängen springen wilde Kaninchen schnell verschwindend umher , sie treiben da ungestört ihren kleinen Bergbau , wie die Vögel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln . Arme halbnackte Kinder , wahrscheinlich aus den Nachbarhütten jagen sich in dem ausgetrockneten Bette des Springbrunnens , nachdem sie ihre Ziegen an Pfählen zwischen den einzelnen Schnörkeln des Buxbaums angebunden haben , der auf dem großen Platze hinter dem Palaste , wie eine von der Hand des Schicksals halbausgewischte bedeutende Schrift , den Reisenden lange vergeblich raten läßt , bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklärt , es heiße Hektor und Sophie , die Vornamen des Grafen und der Gräfin von P ... , die dieses Schloß erbaut . Diese Kinder , diese Ziegen und ein paar Lämmer , die sich menschenfreundlicher zu jenen halten , reinigen den Garten von Kraut und Unkraut , von Blumen und Dornen . Uns beängstigen schon fürstliche Schlösser , die bloß zum Sommeraufenthalte bestimmt , den größeren Teil des Jahres mit hellpolierten , aber verschlossenen Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen , da alles Grün umher wacht und rauscht , alle Quellen rieseln , alle Gänge offen stehen ; schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfüllen uns mit der wehmütigen Ahndung einer unbewußt um uns her geschehenen Völkerwanderung , die uns allein unter Fremden zurückgelassen hat , - und was ist diese Wehmut gegen den Schmerz , diese Völkerwanderung wirklich beendigt zu finden , was hoch gestanden tief gestürzt zu finden und die Kleinen wild und höhnend darüber herfallen zu