Unger , Friederike Helene Bekenntnisse einer schönen Seele www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Friederike Helene Unger Bekenntnisse einer schönen Seele Von ihr selbst geschrieben An Cäsar Die Lage , worin ich mich gegenwärtig befinde , ist recht eigentlich dazu gemacht , meiner Phantasie einen ganz neuen Schwung zu geben . Abgeschnitten von Ihrem interessanten Umgang , mein angenehmer Freund , und auf mehrere Wochen getrennt von meiner theuren Eugenie , bin ich , mehr als jemals , auf mich selbst zurück geworfen . Die süße Gewohnheit , mich Ihnen oder meiner Freundin mitzutheilen , würde für mich zur Folter werden , böte mir die Schriftsprache keinen Ausweg dar . Wenn ich mich lieber an Sie , als an meine Freundin , wende , so geschieht dies , weil ich aufs bestimmteste weiß , daß Sie nur allzu oft gewünscht haben , die Geschichte meiner Entwickelung vollständig zu vernehmen . Wie vollendet Ihre Diskretion auch seyn mag , mein angenehmer Freund , dieser Wunsch mußte in Ihnen entstehen , so oft Sie sich die Frage vorlegten : Woher es doch kommen möge , daß Ihre Mirabella , trotz ihrem Alter und ihrer Jungfrauschaft , noch immer ihren Platz in der Gesellschaft behauptet , und sogar ein Gegenstand der Zuneigung und Achtung bleibt ? Gestehen Sie nur , daß Sie sich einige Mühe gegeben haben , dies Räthsel zu lösen , wäre es auch nur geschehen , um begreiflich zu finden , wie ich , zwischen einem Philosophen Ihres Schlages und einer so gebildeten Frau , als unsere gemeinschaftliche Freundin ist , in der Mitte stehend , ein Band abgeben kann , das man als nothwendig empfindet , und immer ein wenig ungern zerreissen sehen wird . Ich müßte Sie aber sehr wenig kennen , wenn ich nicht vorher wissen sollte , daß die Hauptfrage , welche Sie sich in Hinsicht meiner vorgelegt haben , ohne sie jemals vollständig beantworten zu können , immer die gewesen ist : Wie ich mit den körperlichen und geistigen Eigenschaften , in deren Besitz ich gewesen und allenfalls auch noch bin , eine Jungfrau habe bleiben können ? In Wahrheit , dies ist das Hauptproblem , das gelöset werden muß , wenn man mich in meiner Individualität begreifen will . Nun , mein angenehmer Freund , jegliche Frage , die Sie sich , während unserer zehnjährigen Bekanntschaft , in Beziehung auf mich vorgelegt haben mögen , soll Ihnen durch die nachfolgende Erzählung beantwortet werden . Ich will den Zufall , der mir die Feder in die Hand gegeben hat , recht eifrig benutzen , Sie mir für immer zu verbinden . Erst nach drei Wochen kann Eugenie zurückkehren . Bis dahin gehöre ich Ihnen , so viel ich die mit dem Schreiben unauflöslich verbundene Arbeit ertragen kann . Mein Wille ist der beste von der Welt ; auch an Heiterkeit und Laune gebricht es mir nicht ; denn der lange Winter , den wir seit einigen Wochen überstanden haben , macht einem so angenehmen Frühlinge Platz , daß das Gefühl des inneren Lebens mit verdoppelter Stärke zurückkehrt . Erwarten Sie aber in meiner Erzählung keine Abentheuer ; ich habe nie zu denjenigen gehört , denen dergleichen begegnen können . Was in meiner Geschichte Außerordentliches ist , bleibt noch immer in der Regel , wenn man die Eigenthümlichkeit der Personen ins Auge faßt , welche einen so wesentlichen Einfluß auf meine Entwickelung hatten . Im Übrigen wissen Sie , mein angenehmer Freund , daß es wenig Menschen giebt , die mit ihrem Geschick zufriedener sind , als ich . Die Natur wollte nun einmal , daß in der Reihe der Wesen auch ein solches Geschöpf existiren sollte , wie ich bin . Eben so weit davon entfernt , mich als Muster darstellen zu wollen , als ich entfernt bin , meine eigene Anklägerin zu werden , will ich mich also nur in meiner Eigenthümlichkeit schildern . Ob diese gut sey , oder nicht , darüber mögen Andere entscheiden . Ich selbst bin , wenn ich die Wahrheit gestehen darf , dahin gelangt , daß mich nichts so sehr in Verlegenheit setzt , als die Frage : Ob dies oder jenes gut sey ? und nehme , sowohl für mich selbst als für Andere , meine Zuflucht sehr gern zu dem Grundsatz : What ever is , is right . Auch Sie , mein angenehmer Freund , werden mich so nehmen ; und unter dieser Voraussetzung will ich Ihnen alles bekennen , was nur von einigem Interesse für Sie seyn kann . Erstes Buch Wer meine Eltern gewesen sind , vermag ich nicht zu sagen ; denn ich habe sie nie kennen gelernt . In einer gewissen Periode meines Lebens lag mir sehr viel daran , hinter das Geheimniß meiner Geburt zu kommen ; allein so viel Mühe ich mir auch zu diesem Endzweck gegeben habe , so hab ' ich mit aller angewandten Sorgfalt doch nur zu der Vermuthung aufsteigen können : Meine Existenz sey die Wirkung eines Mißbündnisses , welches entweder durch meine Geburt , oder bald nach derselben aufgehoben wurde . Meine Erinnerungen reichen bis zu meinem sechsten Lebensjahre herab . - Wo ich auch vorher existirt haben mag , in diesem Alter brachte man mich , nach einer Reise , welche wenigstens drei Tage dauerte , in die Wohnung eines französischen Geistlichen , der mit seiner Schwester auf dem Lande lebte . Ich wunderte mich darüber , daß man mich auch hier Mirabella nannte , sobald ich aus dem Reisewagen gestiegen war ; denn ich konnte nicht begreifen , wie ganz fremde Personen mich kennen könnten . Wesen und Namen war für mich noch einerlei . Welche Richtungen mein Inneres auch